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Leistungsschutzrecht, oder: wie man sich ein Gesetz erheult

Ich bin ja immer mal wieder für einen Eimer Popcorn zu haben, und eine der ergiebigsten Quellen seichter Prügeleien und ungehemmter Heulorgien während der letzten paar Monate war sicherlich das Leistungsschutzrecht.

Wer einmal sehen will, wie sich selbst Koryphäen der schreibenden Zunft um Kopf und Kragen schmieren, der gebe – solange dies noch möglich ist – in der Google-Nachrichtensuche den Begriff „Leistungsschutzrecht“ ein, führe sich die ausgespuckten geistigen Ergüsse zu Gemüte und bete in Folge um Hirn, das – wer auch immer – bitte zwecks Linderung des reichlich vorhandenen Schädelvakuums vom Himmel schmeißen möge.

Da wird genölt, die bösen Newsaggregatoren würden die mittels härtester(!!!) geistiger Arbeit erwirtschafteten Artikel „klauen“, wenn sie diese indizieren, und dass die armen, armen Zeitungen kein Mittel hätten, sich dagegen zu wehren. Dass es für solcherlei Nöte eine einfache Lösung zum Aussperren des Googlebots gibt, ignoriert man geflissentlich – entweder aus Faulheit, Inkompetenz oder weil mal das große, böse Google für das eigene löchrige Geschäftsmodell zahlen lassen will. Man stelle sich mal einen Jugendherbergsbetreiber vor, der sich aufregt, dass sich die nervigen Blagen nicht an die Hausordnung halten. Oh wait, die hatte er ja noch gar nicht festgelegt, geschweige denn gut sichtbar ausgehangen.

Sollte das Gesetz wirklich durchgewunken werden, wovon bei der zu nachtschlafender Zeit angesetzten Lesung auszugehen ist (an dieser Stelle sparen wir uns mal Wortwitze über offensichtlich fehlende Cojones), empfehle ich Google News, alle Presseerzeugnisse, die sich als besonders wutschäumend hervorgetan haben, aus dem Index zu entfernen und einfach mal ein paar Monate zu warten. Wäre ja noch schöner, dass der Werber für Produkte, die er anpreist, dem Hersteller noch Geld in den Rachen schieben müsste, weil er ihm zusätzliche Kunden an Land gezogen hat.

Übrigens: die gleichen Hohlbratzen, die jetzt vor dem Hintergrund der „unsäglichen Kostenloskultur“ den Untergang des Blätterwaldes herbeischreien, sind vor Jahren (die DotCom-Blase war gerade eben geplatzt) sabbernd auf den „Ich mach jetzt auch im Netz und voll kostenlos, Finanzierung juckt mich grad nicht“-Zug aufgesprungen. Niemand hatte sie dazu gezwungen, im Gegenteil, die Herrschaften wollten möglichst noch vor den Konkurrenzblättchen „online dabei sein“.

Noch ein kleines Schmankerl zum Schluß: Wer Zeit hat, darf sich gerne mal die größten Pro-Leistungsschutzrecht-Marktschreier heraussuchen und beobachten, wie sie Themen aufgreifen, die zuerst im Netz behandelt wurden – auf Twitter, in Blogposts, auf Facebook.
Diejenigen, die am lautesten „Haltet den Dieb“ schreien, wenn im Netz aus ihren Artikeln zitiert wird (übrigens mit ordentlicher Quellenangabe und Link zum Originalartikel), bedienen sich meist schamlos selbst aus den oben genannten Quellen, ohne diese auch nur zu erwähnen. Als einziger Hinweis auf die Herkunft steht meistens „Quelle: Internet.“ unter der „geborgten“ Textpassage.
Man stelle sich den Aufschrei unter den Tintenjongleuren vor, würden ihre geliebten, handgeklöppelten Artikel wiederholt in voller Länge in Blogs vervielfältigt, und als einzigen Hinweis auf den Urheber fände sich der Vermerk „Quelle: Totholzpresse“.

Halten wir fest: das ach so bedrohte, weil windschief hingezimmerte Geschäftsmodell der Verleger bedarf einer Rettung durch den Gesetzgeber, die Netzbürger (Twitterer, Blogger, Facebookuser) haben die Klappe zu halten und zufrieden zu sein, wenn ein sich „Journalist“ schimpfendes Individuum mal eben ganze Stücke aus dem ins Netz gestellten Werk rupft und unter eigenem Namen bei Verlag XYZ unterbringt. Ein Hoch auf Qualitätspublikationen!

Update: Eine Sache hätte ich beinahe vergessen. Unsere ach so gebeutelte Presselandschaft schreit Zeter und Mordio, kotzt Gift und Galle und schwadroniert über ungeheuerlichen Lobbyismus, wenn Google nun mit der Kampagne „Verteidige dein Netz!“ offen Stellung gegen das Leistungsschutzrecht bezieht. Gleichzeitig aber haben die „unabhängigen“ Zeitungen monate- und jahrelang unter dem Deckmäntelchen seriöser Berichterstattung ihre Lobbypamphlete veröffentlicht, sobald dieses Thema auch nur ansatzweise zur Sprache kam. Soviel dann zum „Qualitätsjournalismus“, der unbedingt geschützt gehört.

Howto: Piss off the Net – „Monika Piel“-Style

Liebe ARD, was habt ihr euch denn da angelacht? Die WDR-Intendantin Monika Piel, die vor einigen Tagen auch den Vorsitz über eure Rundfunkanstalt übernommen hat, scheint ja ein ganz besonderes Schätzchen zu sein. Zunächst einmal bückt sie sich bis zum Anschlag vor der privaten Konkurrenz, indem sie die gebührenfinanzierte ARD eher als Verbündete denn als Gegenspieler der Privaten verstanden haben will und anschließend ruft sie noch zu einem gemeinsamen Kreuzzug gegen Google auf:

„Was tun Sie, um den Zeitungen zu helfen?

Wir bieten Kooperationen an. Mathias Döpfner, der Springer-Chef, denkt bei diesem Thema in die richtige Richtung. Er will eine Allianz der Qualitätsanbieter im Wettbewerb, unter anderem gegen Google, Apple und Vodafone. Die ARD steht dafür bereit.

[…]

Ist Google eine Bedrohung für die ARD?

Natürlich. Das gilt aber nicht nur für uns, sondern für alle Qualitätsmedien.“

Um es noch einmal ganz deutlich zu sagen: Frau Piel macht die ARD mit ihrer Aussage („Die ARD steht dafür bereit“) zu Privatarmee des Springer-Chefs – eines Menschen, der gewiss nicht unerheblich zur Kastration des öffentlich-rechtlichen Onlineangebotes durch den Rundfunkänderungsstaatsvertrag beigetragen hat.

Der Gegner, den ein Herr Döpfner dabei ins Auge gefasst hat, ist eine Firma, die – im Gegensatz zu den Propagandablättchen seines Verlags – einen regelmäßigen Gewinn abwirft. Herr Döpfner hätte gerne, dass Google zusätzlich zu den unzähligen Besuchern, die es tagtäglich auf die springerschen Onlinepublikationen schaufelt, noch ordentlich Geld an die Verlage abdrückt – was ungefähr das gleiche ist, wie eine Werbeagentur für eine erfolgreiche Kampagne zur Kasse zu bitten, anstatt die Agentur für ihre Mühen entsprechend zu entlohnen.

Und im Zusammenhang mit Springer von „Qualitätsmedien“ zu sprechen, lässt tief in die anscheinend kaum noch vorhandenen Qualitätsansprüche der Frau Piel blicken.

Aber es kommt noch schlimmer:

„[…] Wenn es die Verleger schaffen, alle ihre Apps kostenpflichtig zu machen, werde ich mich in der ARD dafür einsetzen, dass auch wir Geld verlangen. […]

Wie schnell könnten Sie ihre Apps denn überhaupt kostenpflichtig machen?

Es gibt ja schon heute kostenpflichtige Apps der ARD, beispielsweise die Loriot-App. Den Geburtsfehler des Internets – kostenlose Inhalte – zu beseitigen ist aber schwierig und langwierig.“

Die Chefin einer gebührenfinanzierten Rundfunkanstalt will ihre Kunden also doppelt zur Kasse bitten – gehts noch? Erst sollen die Konsumenten mit ihren Gebühren den kastrierten Onlineauftritt finanzieren und dann will Madame für den Empfang der magersüchtigen Internetinhalte dem Gebührenzahler nochmals in die Taschen greifen?

Und eines wollen wir mal klarstellen: die freie Verfügbarkeit von Inhalten ist nicht irgendein auszumerzender Geburtsfehler, sondern die ursprüngliche Intention des Netzes. Der Geburtsfehler von Verlagen, die sich nun in der Onlinepublikation ihrer Inhalte versuchen, ist, ihr Totholzgeschäftsmodell krampfhaft auf das Internet übertragen zu wollen und zu glauben, dass diese Strategie tatsächlich funktioniert.

Frau Piel sollte sich schleunigst andere Freunde suchen. Denn der Konkurrenz dermaßen in den Allerwertesten zu kriechen, wird nicht dafür sorgen, dass die Privaten nun ihr Lobbying gegen die Öffentlich-Rechtlichen einstellen. Und die Dame sollte sich schnellstens gewahr werden, wer ihr Gehalt zahlt. Sonst verspielt sie auch noch die letzten Sympathien, die die Öffentlich-Rechtlichen online gesammelt haben und steht am Ende allein auf weiter Flur.

Besser noch: die ARD sollte sich dringend um eine(n) neue(n) Vorsitzende(n) bemühen. Bevor alles zu spät ist.

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