Archiv der Kategorie: Netzwelt

Leistungsschutzrecht, oder: wie man sich ein Gesetz erheult

Ich bin ja immer mal wieder für einen Eimer Popcorn zu haben, und eine der ergiebigsten Quellen seichter Prügeleien und ungehemmter Heulorgien während der letzten paar Monate war sicherlich das Leistungsschutzrecht.

Wer einmal sehen will, wie sich selbst Koryphäen der schreibenden Zunft um Kopf und Kragen schmieren, der gebe – solange dies noch möglich ist – in der Google-Nachrichtensuche den Begriff „Leistungsschutzrecht“ ein, führe sich die ausgespuckten geistigen Ergüsse zu Gemüte und bete in Folge um Hirn, das – wer auch immer – bitte zwecks Linderung des reichlich vorhandenen Schädelvakuums vom Himmel schmeißen möge.

Da wird genölt, die bösen Newsaggregatoren würden die mittels härtester(!!!) geistiger Arbeit erwirtschafteten Artikel „klauen“, wenn sie diese indizieren, und dass die armen, armen Zeitungen kein Mittel hätten, sich dagegen zu wehren. Dass es für solcherlei Nöte eine einfache Lösung zum Aussperren des Googlebots gibt, ignoriert man geflissentlich – entweder aus Faulheit, Inkompetenz oder weil mal das große, böse Google für das eigene löchrige Geschäftsmodell zahlen lassen will. Man stelle sich mal einen Jugendherbergsbetreiber vor, der sich aufregt, dass sich die nervigen Blagen nicht an die Hausordnung halten. Oh wait, die hatte er ja noch gar nicht festgelegt, geschweige denn gut sichtbar ausgehangen.

Sollte das Gesetz wirklich durchgewunken werden, wovon bei der zu nachtschlafender Zeit angesetzten Lesung auszugehen ist (an dieser Stelle sparen wir uns mal Wortwitze über offensichtlich fehlende Cojones), empfehle ich Google News, alle Presseerzeugnisse, die sich als besonders wutschäumend hervorgetan haben, aus dem Index zu entfernen und einfach mal ein paar Monate zu warten. Wäre ja noch schöner, dass der Werber für Produkte, die er anpreist, dem Hersteller noch Geld in den Rachen schieben müsste, weil er ihm zusätzliche Kunden an Land gezogen hat.

Übrigens: die gleichen Hohlbratzen, die jetzt vor dem Hintergrund der „unsäglichen Kostenloskultur“ den Untergang des Blätterwaldes herbeischreien, sind vor Jahren (die DotCom-Blase war gerade eben geplatzt) sabbernd auf den „Ich mach jetzt auch im Netz und voll kostenlos, Finanzierung juckt mich grad nicht“-Zug aufgesprungen. Niemand hatte sie dazu gezwungen, im Gegenteil, die Herrschaften wollten möglichst noch vor den Konkurrenzblättchen „online dabei sein“.

Noch ein kleines Schmankerl zum Schluß: Wer Zeit hat, darf sich gerne mal die größten Pro-Leistungsschutzrecht-Marktschreier heraussuchen und beobachten, wie sie Themen aufgreifen, die zuerst im Netz behandelt wurden – auf Twitter, in Blogposts, auf Facebook.
Diejenigen, die am lautesten „Haltet den Dieb“ schreien, wenn im Netz aus ihren Artikeln zitiert wird (übrigens mit ordentlicher Quellenangabe und Link zum Originalartikel), bedienen sich meist schamlos selbst aus den oben genannten Quellen, ohne diese auch nur zu erwähnen. Als einziger Hinweis auf die Herkunft steht meistens „Quelle: Internet.“ unter der „geborgten“ Textpassage.
Man stelle sich den Aufschrei unter den Tintenjongleuren vor, würden ihre geliebten, handgeklöppelten Artikel wiederholt in voller Länge in Blogs vervielfältigt, und als einzigen Hinweis auf den Urheber fände sich der Vermerk „Quelle: Totholzpresse“.

Halten wir fest: das ach so bedrohte, weil windschief hingezimmerte Geschäftsmodell der Verleger bedarf einer Rettung durch den Gesetzgeber, die Netzbürger (Twitterer, Blogger, Facebookuser) haben die Klappe zu halten und zufrieden zu sein, wenn ein sich „Journalist“ schimpfendes Individuum mal eben ganze Stücke aus dem ins Netz gestellten Werk rupft und unter eigenem Namen bei Verlag XYZ unterbringt. Ein Hoch auf Qualitätspublikationen!

Update: Eine Sache hätte ich beinahe vergessen. Unsere ach so gebeutelte Presselandschaft schreit Zeter und Mordio, kotzt Gift und Galle und schwadroniert über ungeheuerlichen Lobbyismus, wenn Google nun mit der Kampagne „Verteidige dein Netz!“ offen Stellung gegen das Leistungsschutzrecht bezieht. Gleichzeitig aber haben die „unabhängigen“ Zeitungen monate- und jahrelang unter dem Deckmäntelchen seriöser Berichterstattung ihre Lobbypamphlete veröffentlicht, sobald dieses Thema auch nur ansatzweise zur Sprache kam. Soviel dann zum „Qualitätsjournalismus“, der unbedingt geschützt gehört.

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„Wir sind die Urheber“ – Oder auch: Maul halten und schlucken, liebes Internet!

Die Initiatoren und Unterzeichner der Hetzkampagne „Wir sind die Urheber – Gegen den Diebstahl geistigen Eigentums“ wundern sich jetzt, dass das von ihr verunglimpfte, ach so ominöse Internet das vor Unkenntnis triefende und unterschwellig hasserfüllte Pamphlet der Herren Landwehr und Soboczynski mit wenig Begeisterung zur Kenntnis nimmt.

Im von Soboczynski gelieferten Begleittext zur „Attacke“ lobt er nicht nur die „kompromisslose“ Zustimmung der Unterzeichner zum derzeitig bestehenden Urheberrecht, sondern auch deren Zustimmung zur Stärkung desselben „mit welchen Mitteln auch immer.“

Im Klartext: Die Unterzeichner der Kampagne „Wir sind die Urheber“ befürworten also nicht nur die derzeit gängige, massenhafte Abmahnung von Inhabern ganzer, durch zweifelhafte Methoden „ermittelter“ IP-Adressbereiche, nein, sie setzen sich damit auch für die Einführung der Vorratsdatenspeicherung, die Sperrung von Internetzugängen auf Zuruf der Verwerter unter Umgehung des Rechtsstaats („Three Strikes“) und die Degradierung von Internetprovidern zu Hilfssherriffs der konzerneigenen Rechtsabteilung der Verwerter ein.

Dass diese Schmähschrift nicht die einzige ist, in der „das Internet“ pauschal als Ursache allen Übels verunglimpft, der gemeine Nutzer unter Generalverdacht als (zukünftiger) Dieb „geistigen Eigentums“ beschimpft und auf übelste Art und Weise beleidigt wird, sei mal dahingestellt.

Dass nun aber auch von dem solchermaßen angegangenen User erwartet wird, diese Beleidigung gefälligst zu schlucken und sein Maul zu halten, ist der Gipfel der Unverschämtheit.

Nach jahrelanger, konstanter Beleidigung der „digital Natives“ durch Verwerter, Politiker, Lobbyisten und nicht wenige „Urheber“, hat das in der Zeit veröffentlichte Pamphlet nunmehr das Fass zum Überlaufen gebracht. Und die Hetzer wundern sich, dass die solchermaßen beschimpften User sich die konstanten Beleidigungen nicht mehr gefallen lassen und – statt wie bisher pointiert zu argumentieren und ihre Sichtweise darzulegen – sich auf das unterirdische Niveau der wutschäumenden Horde von Steinzeiturheberrechtsfreunden, Massenabmahnungsbefürwortern und Überwachungsfanboys begeben, da dies offensichtlich die einzige Sprache ist, die diese Herrschaften verstehen.

dns-ok.de – Aber wir wollen doch nur euer Bestes! Echt jezz!

Der Focus wundert sich also in einem Beitrag über die massive Ablehnung der vom BSI und dem BKA promoteten Dienstleistungsseite „dns-ok.de“, die bei einer Verseuchung des eigenen Rechners durch die Schadsoftware „DNS-Changer“ eine Warnung ausspucken und die entsprechenden Tools zur Entfernung des Schädlings gleich mitliefern soll.

Mal ganz davon abgesehen, dass die Seitenadresse „dns-ok.de“ die Vertrauenswürdigkeit eines windigen Gratisangebots mit hoher Phishingwahrscheinlichkeit ausstrahlt, ist das Misstrauen nach kleinen und großen Skandalen rund um das BKA und diverse LKAs, um Falschinformationen, fingierte Statistiken und dreiste Lügen sowie simple Unfähigkeit, offenen Verfassungsbruch und wüste Beschimpfungen der Netzgemeinde verständlicherweise auf dem Höhepunkt.

Von Menschen, deren zweite Heimat durch offizielle Stellen seit Jahren mittels widerwärtigster Propaganda und Hetze diskreditiert wird, brauchen unsere Behörden denn auch kein Vertrauen mehr zu einzufordern. Das haben sie längst verspielt.

Dem soll die Hand verdorren…

… der diese Spende annimmt. So oder ähnlich könnte das Paradigma lauten, das von einigen Schreihälsen vor sich hergetragen wird, wenn es um die jüngste, größere Zuwendung einer Softwarefirma an die Piraten geht. Da wird vom drohenden Piratenuntergang schwadroniert, weil eine Beeinflussung des Vorstandes beziehungsweise der gesamten Partei nicht nur für möglich gehalten, sondern als unausweichlich bezeichnet wird.

Die genannte Firma hat also angeblich Softwarepatente eingereicht und steht damit unserem Anspruch auf Abschaffung von Softwarepatenten entgegen. So what? Wenn die der Meinung sind, sie müssten einer Organisation Geld in den Rachen werfen, die munter an einem der Firmengeschäftsfelder sägt, dann sind sie selbst schuld.

Anders ausgedrückt: würde e.on eine Großspende an Greenpeace richten, könnte Greenpeace sich natürlich selbst zerfleischen. Oder sie könnten mit dem Geld die nächste publikumswirksame Plakatabseilaktion am Meiler Isar II finanzieren und im Anschluß ordentlich einen heben gehen.

Daß sich die Partei zu ihrer Spendenpraxis extra von Transparency International hat beraten lassen und deren Vorschläge übernahm, ist unseren Dogmatikern egal. Auch vergessen diese Leute in ihrer Raserei ein wichtiges Detail: jedwedes Lavieren, jegliche Abweichung von unseren Zielen und Beschlüssen durch den Vorstand wird wie in keiner anderen politischen Vereinigung in diesem Land sofort von der Basis registriert und aufs Härteste abgestraft.

Unsere Nulltoleranzler unterstellen also nicht nur dem Vorstand die sofortige Korrumpierung bei Spendenannahme, sondern auch der Basis völlige Unfähigkeit bei der Kontrolle unserer Parteihäuptlinge und springen somit brav über das ihnen von SPDlern und Linken zwecks Ablenkung hingehaltene Stöckchen. Fein gemacht.

Desweiteren zieht die hämische Bemerkung der Hauptstadtpiraten, der Bund hätte sich wohl besser die Berliner Spendenobergrenze auferlegt hier nicht. Denn eines ist sicher: selbst wenn die Spende nur 10.000 Euro betragen hätte, wäre der Vorstand dem Shitstorm nicht entgangen, denn es geht den Rageguys nicht um die Höhe, sondern um die Tatsache, dass überhaupt Spenden angenommen wurden.

Was mir im übrigen bei allen Antispendentwitterflamern gefehlt hat, ist ein schlüssiges Konzept zur Spendensammlung im großen Stil im Vorfeld von Großprojekten. Wenn wir ab sofort also nur noch Spenden von realen Personen – und auch da nur beschränkt (!!!!!!1einself1!!) – annehmen dürfen, wie wollen wir dann zukünftige Volksentscheide, Volksbegehren, Petitionen, bzw. die entsprechenden Werbemaßnahmen finanzieren? Ist nämlich alles andere als billig.

Wenn ihr also mit eurem Bashing fertig seid, liebste Dogmatiker, erwarte ich – statt konfusem Herumgeeiere – Antworten auf oben genannte Frage. Denn sonst – bei allem Verständnis – kann ich euch nicht mehr ernst nehmen.

Spreng und die „Anonymitätsseuche“ – U r doing it wrong, Michael.

YOU'RE DOING IT WRONG!
see more Lolcats and funny pictures, and check out our Socially Awkward Penguin lolz!

Michael Spreng hat sich also Kraft seiner Wassersuppe über Anonymität im Netz aufgeregt und diese gewohnt markig als „Seuche“ verunglimpft. Er zieht über die anonymen Tippgeber und Rechercheure der Plagiatswikis her, die sowohl unseren ehemaligen Verteidigungsminister als auch Edmund Stoibers Tochter Veronica Saß sowie das FDP-Sternchen Silvana Koch-Mehrin und deren Parteikollegen Georgios Chatzimarkakis ihre mutmaßlich ergaunerten Doktortitel kosten werden.

Mit seiner Polemik bedient der bloggende „Sprengsatz“ einmal mehr das Stereotyp vom ach so bösen User im dunklen Kämmerlein, dessen einziger Lebensinhalt darin besteht, unbescholtenen Menschen zu schaden. In diesem Falle mal nicht durch irgendwelchen Datenklau oder Mobbing, sondern durch ganz schlimmes anonymes Denunzieren honoriger Bürger.

Herr Spreng fordert denn auch den „Kampf mit offenem Visier“ und auf Augenhöhe und stellt sich sofort als leuchtendes Vorbild hin:

„So verhielt ich mich auch als Journalist. Schon mit 20 entlarvte ich lieber einen Immobilienbetrüger, als mich durch 15.000 Mark davon abhalten zu lassen. Und während meiner Springer-Zeit wurde zweimal wegen Geheimnisverrat gegen mich ermittelt.“

Sehr mutig, wirklich. Wie aber schon ein Kommentarschreiber anmerkt:

„bei allem Respekt, aber mit der Springer-Rechtsabteilung im Rücken lass ich mich auch gerne wegen Geheimnisverrat verklagen.“

Unser mutiger Journalist hatte – bei allem Ungemach, die ihm diese Ermittlungen sicher bereiteten – immer eine Schar Rechtsanwälte hinter sich, die sich der kleine Mann, der einen Mißstand aufdecken möchte, im Zweifel nicht leisten kann.

Anonym != Pseudonym

Ein weiterer Fehler des sprengschen Rants wider die gesichtslosen Petzen ist die Verwechslung von Anonymität und Pseudonymität. Wer sich „anonymes“ Posten von Inhalten im Netz ansehen will, der kann eine kleine Tour durch die verschiedenen Imageboards machen. Dort kann man den Urheber eines Beitrags und seine Kommentatoren nicht auseinanderhalten, denn beide sind als „Anonymous“ – oder von mir aus auch als „Bernd“ unterwegs. Hier haben wir Anonymität in Reinkultur, das Aufgehen in einer gesichtslosen Masse.

Die ursprüngliche Intention des Beitrags war denn wohl auch die wüste Schmähung von pseudonymen Veröffentlichungen im Netz, speziell der Arbeit der Plagiatsjäger, die – laut Spreng – wohl kein Recht auf Schutz der eigenen Person vor Nachstellung durch weit überlegene Interessengruppen (hier: die Parteiapparate der beim Plagiieren erwischten Ex-Doktoren) haben.

Pseudonyme im Netz sind keine Wegwerfidentitäten, sondern Ersatzpersönlichkeiten, die über einen längeren Zeitraum aus ganz unterschiedlichen Gründen aufgebaut und gepflegt werden – ähnlich wie das Pseudonym eines Buchautors.

Journalisten waren mal Gatekeeper

Deal with it. Informationslieferanten scheinen laut Herrn Spreng nur das Recht auf Anonymität zu haben, wenn sie ihre Schmankerl brav in seinem toten Briefkasten abladen, sich ansonsten aus der Chose raushalten und darauf hoffen, dass sich ihro Gnaden dazu bequemt, aus dem Material eine Geschichte zu stricken.

Diese Art des Informationsflusses war spätestens dann passé, als neben der „Totholzpresse“ die ersten leicht zu bedienenden Tools zur Veröffentlichung von Nachrichten zur Verfügung standen. Ein Zurück wird es nicht geben, auch wenn Sprengs ehemaliger Arbeitgeber die Zeit am liebsten zurückdrehen würde. Der Zug ist abgefahren.

Wir werden alle sterben – echt jezz!

Manch ein Pirat sieht ja schon den Untergang des Abendlands heraufziehen, nur weil wir uns in unserer Partei ein paar widerborstige Pflänzchen herangezüchtet haben. Da wird auf Mailinglisten die Parteiausschlusskeule bemüht und in Private Messages wüst vom Leder gezogen, weil sich die Spackeria als ganz böse Medienhuren angeblich einen Teil der ausschließlich für die Piraten reservierten Aufmerksamkeitsspanne geklaut hätten. Lächerlich.

Und die vielerorts befürchtete und teilweise eingetretene Gleichsetzung der Post-Privacy-Ideologie unserem Parteiprogramm ist nicht das Resultat irgendeiner perfiden Marketingstrategie der Datenschutzkritiker, sondern vielmehr das Ergebnis grottenschlechter Recherche, Zuspitzung und Schlagzeilensuche seitens der Medien.

Wer nun befürchtet, die Partei würde durch diesen kleinen ThinkTank irreparabel geschädigt, überschätzt die Schlagkraft dieses Häufleins grandios. Im übrigen bin ich auch nicht Mitglied der Piraten geworden, um – wie zu Erichs Zeiten – rings um mich herum nur Leute mit der gleichen Meinung anzutreffen.

Der „Nachteil“, den man uns von allen Seiten andichtet – dass wir uns auf Parteitagen regelmäßig zerfleischen würden – ist mir allemal lieber als der Einheitsbrei bei anderen Veranstaltungen, auf denen ein einziger Kandidat eine Zustimmung von 90+ Prozentpunkten erhält und eine Wahl mit echten Alternativen als „Kampfkandidatur“ verunglimpft wird.

Abschließend habe ich noch ein Töpflein mit musikalischen Weisheiten für euch (man muß das Rad ja nicht immer neu erfinden), die ihr euch in einer ruhigen Minute einmal zu Gemüte führen solltet – und wenn ihr danach immer noch der Meinung seid, das Ende aller Tage sei nahe, dann geht halt sterben. Echt jezz.

„PostPrivacy“: Vergesst mal Staat, Einbrecher und Stalker, was ist mit Opa Hubert?

Jeder kennt ihn, jeder hat so einen als Nachbarn: Erbsenzähler, Flur- und Straßenblockwarte, Gartenzwerggrößenvermesser und Just-For-Fun-Gerichtscamper. Der Einfachheit halber geben wir diesem Menschenschlag mal ein Gesicht in Gestalt des „Opa Hubert“.

Opa Hubert war früher mal ein recht umgänglicher Mensch, aber seit die Kinder aus dem Haus und seine Gertrude unter der Erde ist, hat unser Opa einen leichten Knacks. Um sich von seiner Einsamkeit abzulenken, hat er sich eine schwere Bürde auferlegt: wieder Zocht und Ordnung in seine Straße zu bringen.

Denn es kann ja nicht angehen, dass der Bürgersteig ständig zugemüllt wird (Zwei Kaugummipapiere pro Tag! Eine Katastrophe!), Fräulein Wiese von nebenan ihren Köter im öffentlichen Park ausführt, so dass man bei jeder Gelegenheit in die Hundscheiße tritt (Opa Hubert war zwar zuletzt vor 15 Jahren zusammen mit Gertrude im Park, und seinen letzten Hundehaufen hat er vor 20 Jahren gesehen, aber man weiß ja, dass dieses Viehzeugs ständig und überall die Wege zukackt!), und dann noch dieses asoziale Pack von nebenan! Schon um 14:59 dröhnt die Musik und weckt ihn aus seinem wohlverdienten Nickerchen, obwohl die Mittagsruhe bis 15:00 geht! Steht alles in der Hausordnung, Opa Hubert besitzt sie in mehrfacher Ausführung – gerahmt an der Wand und abgeheftet in den Akten. Wobei er in all seiner Akribie vergessen hat, einfach mal zu prüfen, ob seine Uhr nicht eventuell einen kleinen Tick nachgeht.

Opa Hubert geht jeden Tag auf Patrouille. Dutzende „Falschparker“ hat er schon zur Anzeige gebracht, penibelst misst er den Abstand der abgestellten Vehikel zum Bürgersteig und zur nächsten Kreuzung. Ordnung muss sein! Er kennt jedes Gesetz, jedes Ordnungsblatt, sämtliche Paragraphen – und hat von seinem Wissen bereits unzählige Male Gebrauch gemacht. Bei seinen Nachbarn heißt er nur noch „Terroropa“, aber das stachelt ihn eher an, als dass es ihn zum Nachdenken bringt.

Nachdem wir unseren freundlichen, erbsenzählenden Nachbarn nun also in groben Zügen umrissen haben, stellt sich die Frage, die mir keiner unserer PostPrivacyApologeten zufriedenstellend beantworten konnte: was passiert, wenn solch ein „Terroropa“ sich irgendwann in die Materie eingearbeitet hat, virtuos mit Facebook, Twitter und sonstigen Social Networks umgehen kann (ja, auch unsere Generation wird mal in die Jahre kommen!) und die dort veröffentlichten – und öffentlichen(!) –  Daten dann nutzt, um seine Umgebung wieder auf Linie zu bringen? Der gemeine „Post-Privacy-Spacko“ weiß im Zweifel nicht, dass in seinem Viertel (auf Initiative von Opa Hubert übrigens!) ab 22 Uhr Nachtruhe herrscht. Und er mag Glück haben, dass Opa Huberts Fotoapparat nachts eher mäßige Beweisfotos von der Party schräg gegenüber im Spackenloft geliefert hat. Dafür aber sind die Facebook-Updates, Bilder und Handyvideos umso deutlicher – alle mit Orts- und Zeitangabe gepostet, getaggt und einzelnen Partyteilnehmern zugeordnet. Ein Eldorado für unseren Opa. Und es gäbe sicher noch dutzende weitere Anwendungsfälle, denn der Phantasie unseres Freizeitblockwarts sind sicher keine Grenzen gesetzt.

Update: Mehr Lesestoff zum Thema.

Wollt ihr den totalen Kerrriiii… Ähm… die Mindestdatenspeicherung?

Laut unserem neuen GröVaZ (Größten Vorratsdatenschnüffler aller Zeiten seit dem Mielke-Fan Wolle Schäuble) Hans-Peter Friedrich herrschen ja Sodom und Gomorrha im Netz, und Zocht und Ordnung(!!) liegen danieder, seit die Union vom Bundesverfassungsgericht für ihre Schnüffelgeilheit abgewatscht wurde.

Und wieder einmal soll ganz Deutschland an bayrischer Polizeistaatswillkür genesen. Zusammen mit dem „Stasi 2.0“-PR-Heini und Polizeigewerkschaftsvorsitzenden Rainer Wendt packte unser neuer Bundesinnenkasper einmal mehr die erwiesenermaßen falsche Argumentation aus, ohne Vorratsdatenspeicherung sei eine Ermittlung im Netz unmöglich (lies: der „rechtsfreie Raum Internet“).

Die einzige Lehre, die unser beratungsresistenter Innenminister aus den Debatten um die Onlineschnüffelei gezogen zu haben scheint, ist, dass dieses Projekt unbedingt einen neuen Namen braucht:

Auch Friedrich will lieber von Mindestdatenspeicherung sprechen: „Dieser Begriff ist besser, denn bei Vorratsdatenspeicherung wird man merkwürdig angeschaut.“

Jawoll. Wenn du deine Scheiße nicht mehr verkauft bekommst, hinterfrage nicht das Produkt, sondern benenne es einfach um. Der Verbraucher (hier: der Bürger) wird schon dämlich genug sein, diesen Stunt zu schlucken. Und wenn nicht, dann stopfen wir es ihm solange in seinen widerborstigen Hals, bis er es runterwürgen muss, gell?

„Wir wollen Guttenberg zurück!“ – Der Küblböck-Effekt

Guttenberg: Same procedure as every year... -.-

Wer erinnert sich nicht an den zutiefst unmusikalischen „Breitmaulfrosch auf Ecstasy“ (O-Ton Oliver Welke) aus dem ländlich-bayrischen Dorfidyll Eggenfelden? Was hatten wir damals für einen Spaß mit den merkbefreiten Groupies, die ihr Idol mit Zähnen, Klauen und der beinahe schon legendären Rechtschreibschwäche verteidigen wollten.

Dass der Rausschmiß der einmalig untalentierten Heulboje vermutlich dem puren Selbsterhaltungstrieb der audiovisuell malträtierten Jury geschuldet war, interessierte die Anhängerschaft des Geschassten nicht die Bohne. Ihr ein und alles, ihr goldenes Kalb musste die an sich schon grottenschlechte Sendung verlassen! Welch Blasphemie!

Und natürlich ergoss sich Welle auf Welle selbstgerechter Empörung über jedes noch so kleine Weblog, das es wagte, auch nur den geringsten Kratzer am funkelnden Idol zu monieren. Der selbstgewählte, hochgepuschte, per Telefonvote (auch gerne als „Idiotenfalle“ tituliert) immer wieder gerettete Messias durfte nicht gescheitert sein!

Auch damals gab es Bestrebungen, das Verdikt der Jury per Petition, massenhafter Entrüstungsmail und was-weiß-ich-noch für Ideen rückgängig zu machen.

Schnellvorlauf ins Jahr 2011: wieder einmal ist ein Idol über die eigenen – dem selbst auferlegten Anspruch zufolge ja angeblich nicht vorhandenen – Unzulänglichkeiten gestolpert und der Länge nach auf den Beton (diesmal den des politischen Berlin) geknallt. Lange hat er sich gewehrt, den Sturz auch nur ansatzweise zuzugeben, scheibchenweise war von einem „kleinen Stolperer“ die Rede, bis der Ex-Doktor (und nun auch Ex-Verteidigungsminister) Guttenberg endlich die einzig sinnvolle Konsequenz aus der Affäre zog: er trat zurück.

Und wie schon zu Küblböcks Abgang dessen Groupies, scharrt diesmal die Anhängerschaft des Herrn zu Guttenberg in blinder Nibelungentreue mit den Hufen, bereit, alles niederzuwalzen, was nicht bei „Drei“ ein Hochlied auf ihren bajuwarischen Volks(!!!)helden anstimmt.

Nach den Erfahrungen des Jahres 2003 sollte uns also das erneute Auftauchen der Groupie-Heuschreckenplage nicht allzu sehr wundern. Die gab es und wird es immer geben, wenn ein hochgehyptes Sternchen vom Firnament stürzt und krachend auf dem Boden der Tatsachen aufschlägt. Nachdem die geifernde Horde ihre Sauherde durch die Netzwelt getrieben hat, wird sich jedes einzelne Mitglied wieder der eigenen, kleinen, unbedeutenden Welt zuwenden, aus der es ursprünglich gekrochen kam.

Howto: Piss off the Net – „Monika Piel“-Style

Liebe ARD, was habt ihr euch denn da angelacht? Die WDR-Intendantin Monika Piel, die vor einigen Tagen auch den Vorsitz über eure Rundfunkanstalt übernommen hat, scheint ja ein ganz besonderes Schätzchen zu sein. Zunächst einmal bückt sie sich bis zum Anschlag vor der privaten Konkurrenz, indem sie die gebührenfinanzierte ARD eher als Verbündete denn als Gegenspieler der Privaten verstanden haben will und anschließend ruft sie noch zu einem gemeinsamen Kreuzzug gegen Google auf:

„Was tun Sie, um den Zeitungen zu helfen?

Wir bieten Kooperationen an. Mathias Döpfner, der Springer-Chef, denkt bei diesem Thema in die richtige Richtung. Er will eine Allianz der Qualitätsanbieter im Wettbewerb, unter anderem gegen Google, Apple und Vodafone. Die ARD steht dafür bereit.

[…]

Ist Google eine Bedrohung für die ARD?

Natürlich. Das gilt aber nicht nur für uns, sondern für alle Qualitätsmedien.“

Um es noch einmal ganz deutlich zu sagen: Frau Piel macht die ARD mit ihrer Aussage („Die ARD steht dafür bereit“) zu Privatarmee des Springer-Chefs – eines Menschen, der gewiss nicht unerheblich zur Kastration des öffentlich-rechtlichen Onlineangebotes durch den Rundfunkänderungsstaatsvertrag beigetragen hat.

Der Gegner, den ein Herr Döpfner dabei ins Auge gefasst hat, ist eine Firma, die – im Gegensatz zu den Propagandablättchen seines Verlags – einen regelmäßigen Gewinn abwirft. Herr Döpfner hätte gerne, dass Google zusätzlich zu den unzähligen Besuchern, die es tagtäglich auf die springerschen Onlinepublikationen schaufelt, noch ordentlich Geld an die Verlage abdrückt – was ungefähr das gleiche ist, wie eine Werbeagentur für eine erfolgreiche Kampagne zur Kasse zu bitten, anstatt die Agentur für ihre Mühen entsprechend zu entlohnen.

Und im Zusammenhang mit Springer von „Qualitätsmedien“ zu sprechen, lässt tief in die anscheinend kaum noch vorhandenen Qualitätsansprüche der Frau Piel blicken.

Aber es kommt noch schlimmer:

„[…] Wenn es die Verleger schaffen, alle ihre Apps kostenpflichtig zu machen, werde ich mich in der ARD dafür einsetzen, dass auch wir Geld verlangen. […]

Wie schnell könnten Sie ihre Apps denn überhaupt kostenpflichtig machen?

Es gibt ja schon heute kostenpflichtige Apps der ARD, beispielsweise die Loriot-App. Den Geburtsfehler des Internets – kostenlose Inhalte – zu beseitigen ist aber schwierig und langwierig.“

Die Chefin einer gebührenfinanzierten Rundfunkanstalt will ihre Kunden also doppelt zur Kasse bitten – gehts noch? Erst sollen die Konsumenten mit ihren Gebühren den kastrierten Onlineauftritt finanzieren und dann will Madame für den Empfang der magersüchtigen Internetinhalte dem Gebührenzahler nochmals in die Taschen greifen?

Und eines wollen wir mal klarstellen: die freie Verfügbarkeit von Inhalten ist nicht irgendein auszumerzender Geburtsfehler, sondern die ursprüngliche Intention des Netzes. Der Geburtsfehler von Verlagen, die sich nun in der Onlinepublikation ihrer Inhalte versuchen, ist, ihr Totholzgeschäftsmodell krampfhaft auf das Internet übertragen zu wollen und zu glauben, dass diese Strategie tatsächlich funktioniert.

Frau Piel sollte sich schleunigst andere Freunde suchen. Denn der Konkurrenz dermaßen in den Allerwertesten zu kriechen, wird nicht dafür sorgen, dass die Privaten nun ihr Lobbying gegen die Öffentlich-Rechtlichen einstellen. Und die Dame sollte sich schnellstens gewahr werden, wer ihr Gehalt zahlt. Sonst verspielt sie auch noch die letzten Sympathien, die die Öffentlich-Rechtlichen online gesammelt haben und steht am Ende allein auf weiter Flur.

Besser noch: die ARD sollte sich dringend um eine(n) neue(n) Vorsitzende(n) bemühen. Bevor alles zu spät ist.

Weiterer Lesestoff zu diesem Thema: