Archiv der Kategorie: Medien

Leistungsschutzrecht, oder: wie man sich ein Gesetz erheult

Ich bin ja immer mal wieder für einen Eimer Popcorn zu haben, und eine der ergiebigsten Quellen seichter Prügeleien und ungehemmter Heulorgien während der letzten paar Monate war sicherlich das Leistungsschutzrecht.

Wer einmal sehen will, wie sich selbst Koryphäen der schreibenden Zunft um Kopf und Kragen schmieren, der gebe – solange dies noch möglich ist – in der Google-Nachrichtensuche den Begriff „Leistungsschutzrecht“ ein, führe sich die ausgespuckten geistigen Ergüsse zu Gemüte und bete in Folge um Hirn, das – wer auch immer – bitte zwecks Linderung des reichlich vorhandenen Schädelvakuums vom Himmel schmeißen möge.

Da wird genölt, die bösen Newsaggregatoren würden die mittels härtester(!!!) geistiger Arbeit erwirtschafteten Artikel „klauen“, wenn sie diese indizieren, und dass die armen, armen Zeitungen kein Mittel hätten, sich dagegen zu wehren. Dass es für solcherlei Nöte eine einfache Lösung zum Aussperren des Googlebots gibt, ignoriert man geflissentlich – entweder aus Faulheit, Inkompetenz oder weil mal das große, böse Google für das eigene löchrige Geschäftsmodell zahlen lassen will. Man stelle sich mal einen Jugendherbergsbetreiber vor, der sich aufregt, dass sich die nervigen Blagen nicht an die Hausordnung halten. Oh wait, die hatte er ja noch gar nicht festgelegt, geschweige denn gut sichtbar ausgehangen.

Sollte das Gesetz wirklich durchgewunken werden, wovon bei der zu nachtschlafender Zeit angesetzten Lesung auszugehen ist (an dieser Stelle sparen wir uns mal Wortwitze über offensichtlich fehlende Cojones), empfehle ich Google News, alle Presseerzeugnisse, die sich als besonders wutschäumend hervorgetan haben, aus dem Index zu entfernen und einfach mal ein paar Monate zu warten. Wäre ja noch schöner, dass der Werber für Produkte, die er anpreist, dem Hersteller noch Geld in den Rachen schieben müsste, weil er ihm zusätzliche Kunden an Land gezogen hat.

Übrigens: die gleichen Hohlbratzen, die jetzt vor dem Hintergrund der „unsäglichen Kostenloskultur“ den Untergang des Blätterwaldes herbeischreien, sind vor Jahren (die DotCom-Blase war gerade eben geplatzt) sabbernd auf den „Ich mach jetzt auch im Netz und voll kostenlos, Finanzierung juckt mich grad nicht“-Zug aufgesprungen. Niemand hatte sie dazu gezwungen, im Gegenteil, die Herrschaften wollten möglichst noch vor den Konkurrenzblättchen „online dabei sein“.

Noch ein kleines Schmankerl zum Schluß: Wer Zeit hat, darf sich gerne mal die größten Pro-Leistungsschutzrecht-Marktschreier heraussuchen und beobachten, wie sie Themen aufgreifen, die zuerst im Netz behandelt wurden – auf Twitter, in Blogposts, auf Facebook.
Diejenigen, die am lautesten „Haltet den Dieb“ schreien, wenn im Netz aus ihren Artikeln zitiert wird (übrigens mit ordentlicher Quellenangabe und Link zum Originalartikel), bedienen sich meist schamlos selbst aus den oben genannten Quellen, ohne diese auch nur zu erwähnen. Als einziger Hinweis auf die Herkunft steht meistens „Quelle: Internet.“ unter der „geborgten“ Textpassage.
Man stelle sich den Aufschrei unter den Tintenjongleuren vor, würden ihre geliebten, handgeklöppelten Artikel wiederholt in voller Länge in Blogs vervielfältigt, und als einzigen Hinweis auf den Urheber fände sich der Vermerk „Quelle: Totholzpresse“.

Halten wir fest: das ach so bedrohte, weil windschief hingezimmerte Geschäftsmodell der Verleger bedarf einer Rettung durch den Gesetzgeber, die Netzbürger (Twitterer, Blogger, Facebookuser) haben die Klappe zu halten und zufrieden zu sein, wenn ein sich „Journalist“ schimpfendes Individuum mal eben ganze Stücke aus dem ins Netz gestellten Werk rupft und unter eigenem Namen bei Verlag XYZ unterbringt. Ein Hoch auf Qualitätspublikationen!

Update: Eine Sache hätte ich beinahe vergessen. Unsere ach so gebeutelte Presselandschaft schreit Zeter und Mordio, kotzt Gift und Galle und schwadroniert über ungeheuerlichen Lobbyismus, wenn Google nun mit der Kampagne „Verteidige dein Netz!“ offen Stellung gegen das Leistungsschutzrecht bezieht. Gleichzeitig aber haben die „unabhängigen“ Zeitungen monate- und jahrelang unter dem Deckmäntelchen seriöser Berichterstattung ihre Lobbypamphlete veröffentlicht, sobald dieses Thema auch nur ansatzweise zur Sprache kam. Soviel dann zum „Qualitätsjournalismus“, der unbedingt geschützt gehört.

„Wir sind die Urheber“ – Oder auch: Maul halten und schlucken, liebes Internet!

Die Initiatoren und Unterzeichner der Hetzkampagne „Wir sind die Urheber – Gegen den Diebstahl geistigen Eigentums“ wundern sich jetzt, dass das von ihr verunglimpfte, ach so ominöse Internet das vor Unkenntnis triefende und unterschwellig hasserfüllte Pamphlet der Herren Landwehr und Soboczynski mit wenig Begeisterung zur Kenntnis nimmt.

Im von Soboczynski gelieferten Begleittext zur „Attacke“ lobt er nicht nur die „kompromisslose“ Zustimmung der Unterzeichner zum derzeitig bestehenden Urheberrecht, sondern auch deren Zustimmung zur Stärkung desselben „mit welchen Mitteln auch immer.“

Im Klartext: Die Unterzeichner der Kampagne „Wir sind die Urheber“ befürworten also nicht nur die derzeit gängige, massenhafte Abmahnung von Inhabern ganzer, durch zweifelhafte Methoden „ermittelter“ IP-Adressbereiche, nein, sie setzen sich damit auch für die Einführung der Vorratsdatenspeicherung, die Sperrung von Internetzugängen auf Zuruf der Verwerter unter Umgehung des Rechtsstaats („Three Strikes“) und die Degradierung von Internetprovidern zu Hilfssherriffs der konzerneigenen Rechtsabteilung der Verwerter ein.

Dass diese Schmähschrift nicht die einzige ist, in der „das Internet“ pauschal als Ursache allen Übels verunglimpft, der gemeine Nutzer unter Generalverdacht als (zukünftiger) Dieb „geistigen Eigentums“ beschimpft und auf übelste Art und Weise beleidigt wird, sei mal dahingestellt.

Dass nun aber auch von dem solchermaßen angegangenen User erwartet wird, diese Beleidigung gefälligst zu schlucken und sein Maul zu halten, ist der Gipfel der Unverschämtheit.

Nach jahrelanger, konstanter Beleidigung der „digital Natives“ durch Verwerter, Politiker, Lobbyisten und nicht wenige „Urheber“, hat das in der Zeit veröffentlichte Pamphlet nunmehr das Fass zum Überlaufen gebracht. Und die Hetzer wundern sich, dass die solchermaßen beschimpften User sich die konstanten Beleidigungen nicht mehr gefallen lassen und – statt wie bisher pointiert zu argumentieren und ihre Sichtweise darzulegen – sich auf das unterirdische Niveau der wutschäumenden Horde von Steinzeiturheberrechtsfreunden, Massenabmahnungsbefürwortern und Überwachungsfanboys begeben, da dies offensichtlich die einzige Sprache ist, die diese Herrschaften verstehen.

Spreng und die „Anonymitätsseuche“ – U r doing it wrong, Michael.

YOU'RE DOING IT WRONG!
see more Lolcats and funny pictures, and check out our Socially Awkward Penguin lolz!

Michael Spreng hat sich also Kraft seiner Wassersuppe über Anonymität im Netz aufgeregt und diese gewohnt markig als „Seuche“ verunglimpft. Er zieht über die anonymen Tippgeber und Rechercheure der Plagiatswikis her, die sowohl unseren ehemaligen Verteidigungsminister als auch Edmund Stoibers Tochter Veronica Saß sowie das FDP-Sternchen Silvana Koch-Mehrin und deren Parteikollegen Georgios Chatzimarkakis ihre mutmaßlich ergaunerten Doktortitel kosten werden.

Mit seiner Polemik bedient der bloggende „Sprengsatz“ einmal mehr das Stereotyp vom ach so bösen User im dunklen Kämmerlein, dessen einziger Lebensinhalt darin besteht, unbescholtenen Menschen zu schaden. In diesem Falle mal nicht durch irgendwelchen Datenklau oder Mobbing, sondern durch ganz schlimmes anonymes Denunzieren honoriger Bürger.

Herr Spreng fordert denn auch den „Kampf mit offenem Visier“ und auf Augenhöhe und stellt sich sofort als leuchtendes Vorbild hin:

„So verhielt ich mich auch als Journalist. Schon mit 20 entlarvte ich lieber einen Immobilienbetrüger, als mich durch 15.000 Mark davon abhalten zu lassen. Und während meiner Springer-Zeit wurde zweimal wegen Geheimnisverrat gegen mich ermittelt.“

Sehr mutig, wirklich. Wie aber schon ein Kommentarschreiber anmerkt:

„bei allem Respekt, aber mit der Springer-Rechtsabteilung im Rücken lass ich mich auch gerne wegen Geheimnisverrat verklagen.“

Unser mutiger Journalist hatte – bei allem Ungemach, die ihm diese Ermittlungen sicher bereiteten – immer eine Schar Rechtsanwälte hinter sich, die sich der kleine Mann, der einen Mißstand aufdecken möchte, im Zweifel nicht leisten kann.

Anonym != Pseudonym

Ein weiterer Fehler des sprengschen Rants wider die gesichtslosen Petzen ist die Verwechslung von Anonymität und Pseudonymität. Wer sich „anonymes“ Posten von Inhalten im Netz ansehen will, der kann eine kleine Tour durch die verschiedenen Imageboards machen. Dort kann man den Urheber eines Beitrags und seine Kommentatoren nicht auseinanderhalten, denn beide sind als „Anonymous“ – oder von mir aus auch als „Bernd“ unterwegs. Hier haben wir Anonymität in Reinkultur, das Aufgehen in einer gesichtslosen Masse.

Die ursprüngliche Intention des Beitrags war denn wohl auch die wüste Schmähung von pseudonymen Veröffentlichungen im Netz, speziell der Arbeit der Plagiatsjäger, die – laut Spreng – wohl kein Recht auf Schutz der eigenen Person vor Nachstellung durch weit überlegene Interessengruppen (hier: die Parteiapparate der beim Plagiieren erwischten Ex-Doktoren) haben.

Pseudonyme im Netz sind keine Wegwerfidentitäten, sondern Ersatzpersönlichkeiten, die über einen längeren Zeitraum aus ganz unterschiedlichen Gründen aufgebaut und gepflegt werden – ähnlich wie das Pseudonym eines Buchautors.

Journalisten waren mal Gatekeeper

Deal with it. Informationslieferanten scheinen laut Herrn Spreng nur das Recht auf Anonymität zu haben, wenn sie ihre Schmankerl brav in seinem toten Briefkasten abladen, sich ansonsten aus der Chose raushalten und darauf hoffen, dass sich ihro Gnaden dazu bequemt, aus dem Material eine Geschichte zu stricken.

Diese Art des Informationsflusses war spätestens dann passé, als neben der „Totholzpresse“ die ersten leicht zu bedienenden Tools zur Veröffentlichung von Nachrichten zur Verfügung standen. Ein Zurück wird es nicht geben, auch wenn Sprengs ehemaliger Arbeitgeber die Zeit am liebsten zurückdrehen würde. Der Zug ist abgefahren.

Wir werden alle sterben – echt jezz!

Manch ein Pirat sieht ja schon den Untergang des Abendlands heraufziehen, nur weil wir uns in unserer Partei ein paar widerborstige Pflänzchen herangezüchtet haben. Da wird auf Mailinglisten die Parteiausschlusskeule bemüht und in Private Messages wüst vom Leder gezogen, weil sich die Spackeria als ganz böse Medienhuren angeblich einen Teil der ausschließlich für die Piraten reservierten Aufmerksamkeitsspanne geklaut hätten. Lächerlich.

Und die vielerorts befürchtete und teilweise eingetretene Gleichsetzung der Post-Privacy-Ideologie unserem Parteiprogramm ist nicht das Resultat irgendeiner perfiden Marketingstrategie der Datenschutzkritiker, sondern vielmehr das Ergebnis grottenschlechter Recherche, Zuspitzung und Schlagzeilensuche seitens der Medien.

Wer nun befürchtet, die Partei würde durch diesen kleinen ThinkTank irreparabel geschädigt, überschätzt die Schlagkraft dieses Häufleins grandios. Im übrigen bin ich auch nicht Mitglied der Piraten geworden, um – wie zu Erichs Zeiten – rings um mich herum nur Leute mit der gleichen Meinung anzutreffen.

Der „Nachteil“, den man uns von allen Seiten andichtet – dass wir uns auf Parteitagen regelmäßig zerfleischen würden – ist mir allemal lieber als der Einheitsbrei bei anderen Veranstaltungen, auf denen ein einziger Kandidat eine Zustimmung von 90+ Prozentpunkten erhält und eine Wahl mit echten Alternativen als „Kampfkandidatur“ verunglimpft wird.

Abschließend habe ich noch ein Töpflein mit musikalischen Weisheiten für euch (man muß das Rad ja nicht immer neu erfinden), die ihr euch in einer ruhigen Minute einmal zu Gemüte führen solltet – und wenn ihr danach immer noch der Meinung seid, das Ende aller Tage sei nahe, dann geht halt sterben. Echt jezz.

Sarrazin, Friedrich und rechtspopulistischer Sozialdarwinismus

Wer unserem „Bundesdenker“ Thilo eine Weile zugehört und sich die Mühe gemacht hat, seine kruden Thesen zu lesen, der wird den Eindruck nicht los, dass der braune Schnauzer eine längst obsolete Pseudowissenschaft herausgekramt hat: den Sozialdarwinismus . Äußerst beliebt unter Addi und Konsorten, bot diese Ersatzreligion – bei entsprechender Interpretation – eine bequeme Ausrede, um Juden, Zigeuner, „Asoziale“ und sonstige Unerwünschten „aus dem Volkskörper zu entfernen“.

Unser Thilo geht denn auch davon aus, dass „der Moslem an sich“ dem westlich geprägten Menschen kulturell unterlegen sei. Auch begehen ähnlich denkende Individuen den Fehler, Darwin die These „der Stärkere überlebt“ in den Mund zu legen, um ihren menschenfeindlichen Absichten einen legitimen Anstrich zu verleihen. Darwin jedoch postulierte nicht das „Überleben des Stärkeren“, sondern erklärte, dass diejenigen Lebewesen die größeren Verbreitungschancen hätten, die sich am besten an ihre jeweilige Umwelt anpassen könnten.

Zusätzlich zur Pervertierung der darwinschen Theorie durch die konservativen Rechtsausleger unserer Republik, begehen Sarrazin, Friedrich und Co. auch noch den (absichtlichen?) Fehler, sich auf Nebensächlichkeiten zu konzentrieren, um Probleme zu „erklären“. Und weil unsere Freunde vom rechten Rand ja Freunde der Evolutionstheorie sind, werden wir ihnen einen ihrer verbreiteten Irrtümer mit Hilfe ebendieser zu erklären.

Unsere braunen Marktschreier gehen ja desöfteren davon aus, dass der Migrationshintergrund (lies: die fremde, also „minderwertige Rasse“) ein Hauptfaktor für Kriminalität sei. Betrachten wir also das Phänomen kriminellen Verhaltens als biologische Nische, die – je nach Ort – von Menschen unterschiedlichster Coleur ausgefüllt wird. Bedienen wir uns desweiteren bei dieser Betrachtung des Bildes einer langgezogenen Blüte, die an die mit ihr in Symbiose lebenden Tiere spezielle Anforderungen stellt.

Ein Insekt, das sich vom Nektar dieser Blüte ernährt, müsste aufgrund der Blütenform einen besonders langen Rüssel entwickelt haben, um die Nahrung überhaupt erreichen zu können. Oder vielleicht erlauben es speziell angepasste Füsse dem Insekt, auf der besonders glatten Innenseite der Blüte Halt zu finden. Gehen wir davon aus, dass die Pflanzenart eine weite Verbreitung gefunden hat und deren Nektar mehreren Insektenarten als Nahrung dient. Die eine Insektenart mag vielleicht eine schwarz-gelbe Zeichnung aufweisen, die andere eine braune.

Anstatt nun den Rüssel oder die besonders gut haftenden Füsse als Hauptinstrumente zur Nahrungsbeschaffung anzusehen, bestehen die Herren Friedrich, Sarrazin und deren Anhänger vom braunen Mob darauf, dass es die farbigen Zeichnungen wären, die dem Insekt das Erreichen des Nektars überhaupt erst ermöglichen.

Auf die „Integrationsdebatte“ (oder besser das Integrationsgezeter) übertragen, brüllen sich Sarrazin und Co. im Brustton der Überzeugung die Seele aus dem Leib, dass nur und ausschließlich die von ihnen als minderwertig empfundene Kultur der Einwanderer (lies: „Untermensch“) Ursache krimineller Tendenzen in den Großstädten sei, statt auf die massenhaft zutage tretende Bildungs-, Perspektiv- und Chancenlosigkeit in den sogenannten „Problemvierteln“ zu schauen.

Dass man in den als „No-Go-Areas“ für Migranten (von NPD und Konsorten auch liebevoll als „national befreite Zonen“ tituliert) bekannten Stadtteilen und Provinznestern Ostdeutschlands die selben Nischen vorfindet, die dort jedoch von gröhlenden Glatzen und einer saufenden Dorfjugend besetzt werden, das interessiert die Herren Marktschreier nicht.

Guttenberg: Der Lügenbaron ersäuft im Selbstmitleid

Der Plagiator tritt also zurück. Nachdem er die Vorwürfe, er hätte seine Doktorarbeit abgeschrieben, vehement abstritt und erst nach und nach „Fehler“ einräumte (den eigentlichen Aufreger – nämlich die bewusste Täuschung im Rahmen der Arbeit und die nachträgliche wissentliche freche Lüge ins Gesicht der Wählerschaft) erwähnte er mit keinem Wort.

Und selbst während seiner Rücktrittsrede ist keine Spur der Reue zu sehen – im Gegenteil. Er triefte vor Selbstmitleid, schob den Medien und der Opposition die Schuld an der Affäre zu und missbrauchte einmal mehr die vor kurzem gefallenen Soldaten als Schutzschild. Und dieser Minister soll der populärste Politiker des Landes sein?

In den nächsten paar Wochen wird sich erweisen, inwieweit die „Beliebtheit“ dieses CSU-Sternchens einzig und allein der BILD-Werbekampagne für den Baron geschuldet ist, für die er sich ja bereits revanchiert hat.

Mubarak „Alternativlos“

Was mich am Umgang westlicher Schreiberlinge und Politiker mit der ägyptischen Revolution extrem aufregt, ist der latente Verdacht gegenüber dem „arabischen Frühling“, ein erfolgreicher Umsturz könne ausschließlich in eine brutale Theokratie á la Iran münden. Da kann der Jungspund auf der Straße genauso wie die stolze, demonstrierende Frau noch so energisch widersprechen, im Westen herrscht die durchgängige Meinung, wenn „der Moslem“ auf die Straße geht, kann am Ende nur ein Chomeini-Klon auf dem Thron sitzen.

Mit dieser Panikmache sind Mubarak und Konsorten jahrzehntelang wundervoll gefahren. Und auch jetzt noch wirkt die ständige Terrorrhetorik nach, glaubt man eher inländischen Pappnasen, die im TV apokalyptische Zukunftsvisionen ausbreiten dürfen, solange unterm Namen am Bildschirmrand noch das Zauberwörtchen „Experte“ steht.

Scheiß drauf, dass am zentralen Platz in Kairo religionsübergreifend gebetet wird, bevor man zum Protest schreitet. Dass der einfache Mann auf religiöse Fundamentalisten flucht. Dass die Revolution nicht von alten Männern mit Bärten getragen wird, sondern von einer freiheits- und lebenshungrigen Jugend.

„Der Moslem“ an sich rennt – wenn er erst mal die freie Wahl hat – sofort den radikalen Dschihadisten in die Arme, lies: ist zu dämlich für die Demokratie.

Dies ist das Bild, das westliche Politiker entweder im Kopf haben oder aufgrund eigener (staatlicher) Interessen immer wieder verbreiten: Der unmündige Muslim, der ohne westliche Anleitung einen Übergang zur Demokratie nicht hinbekommt.

Überhaupt muss man sich sehr genau ansehen, wer momentan von „Nichteinmischung“ in innerägyptische Angelegenheiten spricht. Wie gestelzt sowohl Europa als auch die USA von „geordneter Transformation“ sprechen, und dass man lieber nicht eingreifen solle. Tatsache ist: wir haben seit Jahren in innerägyptische Angelegenheiten eingegriffen. Wir greifen noch immer ein.

Wir nehmen Partei – und zwar für den Repressionsapparat des Herrn Mubarak. Seit Jahren ist Geld nach Ägypten geflossen – als Militär- und „Entwicklungs“hilfe. Solange dieses Geld weiterfließt, nehmen wir Partei für die feine Gesellschaft, die vor wenigen Tagen ihre Prügelbataillone auf den Tahrir-Platz schickte, um friedliche Demonstranten für den erlittenen Imageschaden zu bestrafen. Wir finanzieren Schlagstöcke, Reiz- und Tränengas, Gummigeschosse und scharfe Munition, die vom Regime gegen das eigene Volk eingesetzt werden.

Gut, man distanziert sich inzwischen vorsichtig vom ägyptischen Noch-Präsidenten. Gleichzeitig aber mehren sich die Stimmen, dass die Demonstranten doch im Sinne einer „geordneten Transformation“ bitteschön mit dem neuen Vizepräsidenten zusammenarbeiten möchten, so er denn die Macht von Mubarak erben sollte. Und man wundert sich, warum diese Forderung in den Ohren der Demonstrierenden wie blanker Hohn klingt.

Man versetze sich nur einmal 20 Jährchen in die Vergangenheit und überlege sich folgendes Szenario: Honecker ernennt vor seiner Abdankung Erich Mielke als Nachfolger, und der Westen verlangt von der DDR-Opposition, im Interesse einer „geordneten Transformation“ doch bitteschön mit diesem „durchaus vernünftigen Mann“ zusammenzuarbeiten. Eine unzumutbare Forderung, gell? Und warum verlangt man von der ägyptischen Opposition nun eine Zusammenarbeit mit Suleiman ?

Howto: Piss off the Net – „Monika Piel“-Style

Liebe ARD, was habt ihr euch denn da angelacht? Die WDR-Intendantin Monika Piel, die vor einigen Tagen auch den Vorsitz über eure Rundfunkanstalt übernommen hat, scheint ja ein ganz besonderes Schätzchen zu sein. Zunächst einmal bückt sie sich bis zum Anschlag vor der privaten Konkurrenz, indem sie die gebührenfinanzierte ARD eher als Verbündete denn als Gegenspieler der Privaten verstanden haben will und anschließend ruft sie noch zu einem gemeinsamen Kreuzzug gegen Google auf:

„Was tun Sie, um den Zeitungen zu helfen?

Wir bieten Kooperationen an. Mathias Döpfner, der Springer-Chef, denkt bei diesem Thema in die richtige Richtung. Er will eine Allianz der Qualitätsanbieter im Wettbewerb, unter anderem gegen Google, Apple und Vodafone. Die ARD steht dafür bereit.

[…]

Ist Google eine Bedrohung für die ARD?

Natürlich. Das gilt aber nicht nur für uns, sondern für alle Qualitätsmedien.“

Um es noch einmal ganz deutlich zu sagen: Frau Piel macht die ARD mit ihrer Aussage („Die ARD steht dafür bereit“) zu Privatarmee des Springer-Chefs – eines Menschen, der gewiss nicht unerheblich zur Kastration des öffentlich-rechtlichen Onlineangebotes durch den Rundfunkänderungsstaatsvertrag beigetragen hat.

Der Gegner, den ein Herr Döpfner dabei ins Auge gefasst hat, ist eine Firma, die – im Gegensatz zu den Propagandablättchen seines Verlags – einen regelmäßigen Gewinn abwirft. Herr Döpfner hätte gerne, dass Google zusätzlich zu den unzähligen Besuchern, die es tagtäglich auf die springerschen Onlinepublikationen schaufelt, noch ordentlich Geld an die Verlage abdrückt – was ungefähr das gleiche ist, wie eine Werbeagentur für eine erfolgreiche Kampagne zur Kasse zu bitten, anstatt die Agentur für ihre Mühen entsprechend zu entlohnen.

Und im Zusammenhang mit Springer von „Qualitätsmedien“ zu sprechen, lässt tief in die anscheinend kaum noch vorhandenen Qualitätsansprüche der Frau Piel blicken.

Aber es kommt noch schlimmer:

„[…] Wenn es die Verleger schaffen, alle ihre Apps kostenpflichtig zu machen, werde ich mich in der ARD dafür einsetzen, dass auch wir Geld verlangen. […]

Wie schnell könnten Sie ihre Apps denn überhaupt kostenpflichtig machen?

Es gibt ja schon heute kostenpflichtige Apps der ARD, beispielsweise die Loriot-App. Den Geburtsfehler des Internets – kostenlose Inhalte – zu beseitigen ist aber schwierig und langwierig.“

Die Chefin einer gebührenfinanzierten Rundfunkanstalt will ihre Kunden also doppelt zur Kasse bitten – gehts noch? Erst sollen die Konsumenten mit ihren Gebühren den kastrierten Onlineauftritt finanzieren und dann will Madame für den Empfang der magersüchtigen Internetinhalte dem Gebührenzahler nochmals in die Taschen greifen?

Und eines wollen wir mal klarstellen: die freie Verfügbarkeit von Inhalten ist nicht irgendein auszumerzender Geburtsfehler, sondern die ursprüngliche Intention des Netzes. Der Geburtsfehler von Verlagen, die sich nun in der Onlinepublikation ihrer Inhalte versuchen, ist, ihr Totholzgeschäftsmodell krampfhaft auf das Internet übertragen zu wollen und zu glauben, dass diese Strategie tatsächlich funktioniert.

Frau Piel sollte sich schleunigst andere Freunde suchen. Denn der Konkurrenz dermaßen in den Allerwertesten zu kriechen, wird nicht dafür sorgen, dass die Privaten nun ihr Lobbying gegen die Öffentlich-Rechtlichen einstellen. Und die Dame sollte sich schnellstens gewahr werden, wer ihr Gehalt zahlt. Sonst verspielt sie auch noch die letzten Sympathien, die die Öffentlich-Rechtlichen online gesammelt haben und steht am Ende allein auf weiter Flur.

Besser noch: die ARD sollte sich dringend um eine(n) neue(n) Vorsitzende(n) bemühen. Bevor alles zu spät ist.

Weiterer Lesestoff zu diesem Thema:

JMStV: Problembär mutiert zum tollwütigen Wadenbeißer

Da schau an: gerade noch freut man sich, dass die „parlamentarischen Zwänge“ in Nordrhein-Westfalen anscheinend doch keine so große Hürde darstellen, wie zunächst von den Grünen propagiert, schon springt der pfälzische Problembär wieder mal aus der Deckung und verpasst seiner Partei den nächsten netzpolitischen Schuss ins Knie:

„[…] mit der Verweigerung der Zustimmung würde eine einmalige Chance vertan, mit freiwilligen Alterskennzeichnungen und den Einsatz von Jugendschutzprogrammen Kinder und Jugendliche vor verstörenden Inhalten im Netz zu schützen […]“

„[…] Falls die Novellierung scheitert, wird der Weg der koregulierten Selbstregulierung nicht weiter beschritten, so dass die staatliche Regulierung von oben Platz greifen wird. Basierend auf den derzeitigen rechtlichen Grundlagen werden die Jugendschutzbehörden Sperrverfügungen erlassen. Wenn das das ausgemachte Ziel der CDU in Nordrhein-Westfalen ist, sollten sie an ihrer Linie festhalten. […]“

Im Klartext: Weil der NRW-Landtag nun fraktionsübergreifend zur Besinnung gekommen ist und ein Lieblingsprojekt des sozialdemokratischen Provinzfürsten vorm Aus steht (ein anderes war die – leider durchgewinkte – digitale Bücherverbrennung für öffentlich-rechtliche Inhalte im Netz), rastet der vollkommen aus und droht mit willkürlichen Sperrungen. Ein interessantes Detail am Rande: dass es Kurt Beck um den vielbeschworenen Jugendschutz geht, darf stark bezweifelt werden, denn:

„[…] Durch das Verhalten der CDU, das jeglicher sachlicher Begründung entbehre, würden bereits getätigte Investitionen von Verbänden und Wirtschaft in effektive Jugendschutzsysteme zunichte gemacht. […]“

Somit wurden die Vermutungen, hinter dem Machwerk „Jugendmedienschutz-Staatsvertrag“ stünden handfeste Wirtschaftsinteressen, von offizieller Seite freimütig bestätigt. Dieser Ministerpräsident darf sich mit allerlei Titeln und Bezeichnungen schmücken – das Prädikat „Volksvertreter“ gehört schon lange nicht mehr dazu.

Wikileaks und der Amoklauf der Vereinigten Staaten

Ich hatte mich zum Thema Wikileaks und der Hexenjagd auf die Hintermänner des Enthüllungsportals bereits in einem früheren Beitrag aufgeregt. Damals schienen die rechten Hetzer und Kontrollfreaks noch in der Minderheit, mussten sich wohl zurückhalten und eher im Geheimen an der Unterminierung der Pressefreiheit und der Freiheit des Netzes arbeiten.

Was wir jetzt nach Cablegate erleben, ist nichts anderes als das US-Equivalent eines beleidigten China nach einem massiven Gesichtsverlust. Die gleiche Regierung, die noch zu Jahresbeginn pathetisch die Freiheit des Netzes hochleben ließ, bekämpft diese Freiheit nun mit allen Mitteln, inklusive Rechtsbeugung, Nötigung und Erpressung von Providern, Zahlungsanbietern und Staaten.

Während radikale, ewiggestrige Rassisten wie der Ku-Klux-Klan weiterhin per Mastercard und Visa Spenden sammeln dürfen, sind die gleichen Unternehmen – ebenso wie Amazon und Paypal – auf Anfrage der US-Regierung eingeknickt wie rückgratlose Weichtiere und haben ihre Zusammenarbeit mit Wikileaks aufgekündigt.
Und eine schwedische Staatsanwältin lässt sich mit einer lächerlichen Anklage gegen den von den USA als „Staatsfeind Nr. 2“ propagierten Julian Assange als willfähriges Werkzeug amerikanischer Außenpolitik mißbrauchen und fügt dem Ansehen der skandinavischen Justiz irreparablen Schaden zu.

Der erste Verfassungszusatz – die Rede- und Meinungsfreiheit – ist in Zeiten der gezielt geschürten Terrorhysterie nicht einmal mehr das Papier wert, auf dem sie geschrieben steht. Die ehemals mit dem Versprechen einer „Transparenten Regierung“ angetretenen Demokraten sind vor rechten Hetzern und Verschwörungstheoretikern wie Glenn Beck und Rush Limbaugh – die man gut und gerne als Julius Streicher des 21. Jahrhunderts bezeichnen könnte – auf die Knie gegangen und lassen sich gnadenlos nach rechtsaußen treiben.

Dabei scheinen die Verantwortlichen zu vergessen, dass auf die Blamage durch die veröffentlichten Cables nun die zweite – womöglich größere -folgt: den hehren Versprechen von Demokratie und Meinungsfreiheit wurde die Maske heruntergerissen. Zum Vorschein kam die wahnsinnige Fratze eines Amok laufenden Staatsapparates.