Archiv der Kategorie: Inland

„Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!“

Dieser Artikel folgt auf einen betont sachlich gehaltenen Beitrag über die Diskussionsunkultur beim Thema israelisch-palästinensischer Konflikt.

Der @tarzun würde sagen, dass wir mal wieder reden müssen. Müssen wir auch. Was haben wir damals über das antisemitische Flugblatt der Duisburger Linken gerantet, wisst ihr noch? Das Flugblatt, auf dem ein mit einem Hakenkreuz verschlungener Davidstern prangte? Ganz beschissenes Propagandablättchen mit nachgelagertem Riesenbohei. Kann uns ja wohl nicht passieren, oder?

Falsch. Das folgende Beispiel schlägt in die gleiche Kerbe wie der eben beschriebene Fuckup. Auf den Mailinglisten der Piratenpartei finden sich gleich mehrere vorurteilsbehaftete Ergüsse einer Person, die, um es mal vorsichtig auszudrücken, leicht beratungsresistent erscheint. Und ja, es handelt sich hier um ein Mitglied der Piratenpartei, nicht um eine außenstehende Person, die mal eben in unsere Mailinglisten gekotzt hat. Beispiel gefällig? Wir fangen mal mit leichterer Kost an. Aus dem Thread „Twitter – NRW-Pirat soll sich für Israel-Tweet entschuldigen – Aktuelle Nachrichten“ in der synchronisierten NRW-Mailingliste:

„Tatsache ist doch, dass auch der Jude an sich höchst verschieden ist, dass es da so’ne und so’ne gibt.“ (Link zum Post)

„Der Jude an sich“ – eine, sagen wir mal vorsichtig, unglückliche Formulierung. „Der Jude an sich“ existiert nicht als hier suggerierte, homogene Gruppe. Geht aber noch besser. Kostprobe?

„Es ist durchaus grotesk, einen vollkommen richtigen Gedenktag für 6 Mio ermordete Juden abzuhalten, während paar tausend Juden meinen, sie müssten das Judentum dadurch schützen und verteidigen, dass sie die Palästinenser um die Ecke bringen oder ihr Land so platt machen, dass sie dort nicht mehr leben, heißt, bleiben können.“ (gleicher Post)

Grotesk ist hier wohl eher der Versuch, die Opfer des Holocaust mit einer Polemik auf die aktuelle Politik der israelischen Regierung herabzuwürdigen. Ein regelrechter Hammer ist dann die Gleichsetzung von Gaza mit einem KZ. Glaubt ihr nicht? Ist aber vorgekommen.

„Oder, wenn man – völlig zu Recht – fordert, es dürfe nie wieder Konzentrationslager geben und damit zur Solidarität mit denjenigen aufruft, die gerade das Konzentrationslager Gaza bombardieren.“ (Link zum Post)

Wer hier noch nicht im Dreieck fazialpalmiert, der sei im Folgenden auf die Beratungsresistenz der Urheberin dieser abstrusen Theorie hingewiesen, die nach heftiger Kritik an ihrer Äußerung nochmals nachlegt.

„Der Gaza-Streifen ist ein Konzentrationslager.
Er ist eingezäunt, abgeriegelt, eingemauert, Zugang gibt es nur mit israelischer Genehmigung und letztlich beansprucht Israel darüber zu bestimmen, was dort geschehen darf und was nicht.

Was, nebenbei bemerkt, auch für die noch nicht ganz so eingemauerte Westbank gilt“ (Link zum Post )

Sofern man sich nach dieser Kanonade an geballtem Geschichtsrelativismus weiter durch die verquere kleine Welt besagter Dame wühlen will, kann sich auf den gesamten 17 Seiten des Threads von ihrer festgefahrenen Ideologie und Uneinsichtigkeit überzeugen.

Nun ist natürlich die Mailingliste der NRW-Piraten nicht die einzige, auf der sich Madame ausgebreitet hat. Da gibt es noch die – nicht ins Forum synchronisierte – Liste der AG Außenpolitik.

„Damit ist offiziell, was ich schon seit einiger Zeit erkläre: Israel beabsichtigt, im Zuge der alten Groß-Israel-Ideologie ganz Palästina zu annektieren (möglicherweise ist der gegenwärtige Konflikt in Gaza ein Schritt dazu, denn Israel droht mit Besatzung).“ (Link zu gesicherter Mail)

Auch abseits von Israel zieht die Dame recht abstruse Vergleiche. Hier nur ein Beispiel unter vielen:

„Ich spreche vom Nationalsozialismus. Das ist eine nach dem alten Vorbild der Kirche gebaute Staatsidee, …“ (Link zum Post)

Man könnte meinen, sie stünde mit ihrer Sicht der Dinge relativ alleine da, vor allem, da bereits Anzeige gegen sie erstattet wurde. Weit gefehlt, sie scheint bereits ihre kleine Schar an Fanboys versammelt zu haben.
Nachdem sich also mehrere Piraten zu Recht über Madames verquere Weltsicht erregten, kam von ihrer Fanbase der Vorwurf des „Mobbings“, des „unkontrollierten Mobs“ an die gesamte Partei, die Piraten wurden mit wilden Tieren verglichen, und generell sollten wir gefälligst froh sein, jemanden wie Otla Pinnow mit ihrer Fähigkeit zur „sachlichen Analyse“ unter uns zu haben. Das alte Muster also, in das gewisse Leute verfallen, sobald ihre abstruse Gedankenwelt etwas näher beleuchtet wird: sie verfallen in die Opferrolle.

Wenn ihr mich nun entschuldigt, ich geh kotzen. Im Strahl.

Update:

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Leistungsschutzrecht, oder: wie man sich ein Gesetz erheult

Ich bin ja immer mal wieder für einen Eimer Popcorn zu haben, und eine der ergiebigsten Quellen seichter Prügeleien und ungehemmter Heulorgien während der letzten paar Monate war sicherlich das Leistungsschutzrecht.

Wer einmal sehen will, wie sich selbst Koryphäen der schreibenden Zunft um Kopf und Kragen schmieren, der gebe – solange dies noch möglich ist – in der Google-Nachrichtensuche den Begriff „Leistungsschutzrecht“ ein, führe sich die ausgespuckten geistigen Ergüsse zu Gemüte und bete in Folge um Hirn, das – wer auch immer – bitte zwecks Linderung des reichlich vorhandenen Schädelvakuums vom Himmel schmeißen möge.

Da wird genölt, die bösen Newsaggregatoren würden die mittels härtester(!!!) geistiger Arbeit erwirtschafteten Artikel „klauen“, wenn sie diese indizieren, und dass die armen, armen Zeitungen kein Mittel hätten, sich dagegen zu wehren. Dass es für solcherlei Nöte eine einfache Lösung zum Aussperren des Googlebots gibt, ignoriert man geflissentlich – entweder aus Faulheit, Inkompetenz oder weil mal das große, böse Google für das eigene löchrige Geschäftsmodell zahlen lassen will. Man stelle sich mal einen Jugendherbergsbetreiber vor, der sich aufregt, dass sich die nervigen Blagen nicht an die Hausordnung halten. Oh wait, die hatte er ja noch gar nicht festgelegt, geschweige denn gut sichtbar ausgehangen.

Sollte das Gesetz wirklich durchgewunken werden, wovon bei der zu nachtschlafender Zeit angesetzten Lesung auszugehen ist (an dieser Stelle sparen wir uns mal Wortwitze über offensichtlich fehlende Cojones), empfehle ich Google News, alle Presseerzeugnisse, die sich als besonders wutschäumend hervorgetan haben, aus dem Index zu entfernen und einfach mal ein paar Monate zu warten. Wäre ja noch schöner, dass der Werber für Produkte, die er anpreist, dem Hersteller noch Geld in den Rachen schieben müsste, weil er ihm zusätzliche Kunden an Land gezogen hat.

Übrigens: die gleichen Hohlbratzen, die jetzt vor dem Hintergrund der „unsäglichen Kostenloskultur“ den Untergang des Blätterwaldes herbeischreien, sind vor Jahren (die DotCom-Blase war gerade eben geplatzt) sabbernd auf den „Ich mach jetzt auch im Netz und voll kostenlos, Finanzierung juckt mich grad nicht“-Zug aufgesprungen. Niemand hatte sie dazu gezwungen, im Gegenteil, die Herrschaften wollten möglichst noch vor den Konkurrenzblättchen „online dabei sein“.

Noch ein kleines Schmankerl zum Schluß: Wer Zeit hat, darf sich gerne mal die größten Pro-Leistungsschutzrecht-Marktschreier heraussuchen und beobachten, wie sie Themen aufgreifen, die zuerst im Netz behandelt wurden – auf Twitter, in Blogposts, auf Facebook.
Diejenigen, die am lautesten „Haltet den Dieb“ schreien, wenn im Netz aus ihren Artikeln zitiert wird (übrigens mit ordentlicher Quellenangabe und Link zum Originalartikel), bedienen sich meist schamlos selbst aus den oben genannten Quellen, ohne diese auch nur zu erwähnen. Als einziger Hinweis auf die Herkunft steht meistens „Quelle: Internet.“ unter der „geborgten“ Textpassage.
Man stelle sich den Aufschrei unter den Tintenjongleuren vor, würden ihre geliebten, handgeklöppelten Artikel wiederholt in voller Länge in Blogs vervielfältigt, und als einzigen Hinweis auf den Urheber fände sich der Vermerk „Quelle: Totholzpresse“.

Halten wir fest: das ach so bedrohte, weil windschief hingezimmerte Geschäftsmodell der Verleger bedarf einer Rettung durch den Gesetzgeber, die Netzbürger (Twitterer, Blogger, Facebookuser) haben die Klappe zu halten und zufrieden zu sein, wenn ein sich „Journalist“ schimpfendes Individuum mal eben ganze Stücke aus dem ins Netz gestellten Werk rupft und unter eigenem Namen bei Verlag XYZ unterbringt. Ein Hoch auf Qualitätspublikationen!

Update: Eine Sache hätte ich beinahe vergessen. Unsere ach so gebeutelte Presselandschaft schreit Zeter und Mordio, kotzt Gift und Galle und schwadroniert über ungeheuerlichen Lobbyismus, wenn Google nun mit der Kampagne „Verteidige dein Netz!“ offen Stellung gegen das Leistungsschutzrecht bezieht. Gleichzeitig aber haben die „unabhängigen“ Zeitungen monate- und jahrelang unter dem Deckmäntelchen seriöser Berichterstattung ihre Lobbypamphlete veröffentlicht, sobald dieses Thema auch nur ansatzweise zur Sprache kam. Soviel dann zum „Qualitätsjournalismus“, der unbedingt geschützt gehört.

dns-ok.de – Aber wir wollen doch nur euer Bestes! Echt jezz!

Der Focus wundert sich also in einem Beitrag über die massive Ablehnung der vom BSI und dem BKA promoteten Dienstleistungsseite „dns-ok.de“, die bei einer Verseuchung des eigenen Rechners durch die Schadsoftware „DNS-Changer“ eine Warnung ausspucken und die entsprechenden Tools zur Entfernung des Schädlings gleich mitliefern soll.

Mal ganz davon abgesehen, dass die Seitenadresse „dns-ok.de“ die Vertrauenswürdigkeit eines windigen Gratisangebots mit hoher Phishingwahrscheinlichkeit ausstrahlt, ist das Misstrauen nach kleinen und großen Skandalen rund um das BKA und diverse LKAs, um Falschinformationen, fingierte Statistiken und dreiste Lügen sowie simple Unfähigkeit, offenen Verfassungsbruch und wüste Beschimpfungen der Netzgemeinde verständlicherweise auf dem Höhepunkt.

Von Menschen, deren zweite Heimat durch offizielle Stellen seit Jahren mittels widerwärtigster Propaganda und Hetze diskreditiert wird, brauchen unsere Behörden denn auch kein Vertrauen mehr zu einzufordern. Das haben sie längst verspielt.

BGE? Kommunismus!!!11einself!!!

Der #BPT112 der Piraten hat am Samstag also den Antrag PA284 angenommen und somit wahlweise den Untergang des Abendlandes, den sofortigen Bankrott unseres Landes und/oder die Auferstehung des Sozialismus bzw. Kommunismus heraufbeschworen, wenn man einigen Gegnern des BGE glaubt.

Mal abgesehen davon, dass ein Vergleich des BGE mit Sozialismus und Kommunismus eine Beleidigung unzähliger Opfer dieser Weltanschauungen darstellt, wurde derartig in Richtung der Befürworter beleidigt, gepöbelt und gebrüllt, dass sich wohl einige Unentschlossene eher von den BGE-Gegnern abgestoßen als überzeugt gefühlt haben. Herzlichen Glückwunsch. Euer Auftritt auf dem Bundesparteitag war grandiose Wahlkampfhilfe für die Befürworter. Die peinliche T-Shirt-Aktion hat auch nicht gerade zur Verbesserung des Bildes beigetragen.

Jetzt mal zu den Fakten: wir haben uns für die Aufnahme des BGE ins Wahlprogramm entschieden, aber nicht für eine sofortige Einführung desselben bei erfolgreicher Wahl, sondern:

Dazu wollen wir eine Enquete-Kommission im Deutschen Bundestag gründen, deren Ziel die konkrete Ausarbeitung und Berechnung neuer sowie die Bewertung bestehender Grundeinkommens-Modelle sein soll. Für jedes Konzept sollen die voraussichtlichen Konsequenzen sowie Vor- und Nachteile aufgezeigt und der Öffentlichkeit transparent gemacht werden.
PA284 im Antragsportal

Wir haben also beschlossen, dass sich laut unseren Vorstellungen an prominenter Stelle mit dem BGE befasst werden soll. Wenn diese zu bildende Enquete-Kommission dann aufgrund harter Zahlen und einer umfassenden Recherche zu dem Ergebnis kommen sollte, dass alle ihr vorliegenden Modelle nichts taugen, dann ist das auch in Ordnung, aber es wurde sich zumindest mit dem Thema beschäftigt, anstatt es mittels halbgarer Polemiken einfach mal so abzubügeln.

Für die Gegner des BGE heißt das: Anstatt sich jetzt beleidigt in eine Ecke zurückzuziehen und zu schmollen, solltet ihr lieber mal eure Argumente sammeln, Daten und Fakten zusammenkratzen und euch überlegen, wie ihr diese in die Arbeit der Kommission einbringen wollt. Wer es stattdessen vorzieht, das Rumpelstilzchen zu geben und sich gekränkt in seinen Elfenbeinturm zurückzuziehen, um von dort aus weiterzupöbeln („Leck mich“), der muss sich nicht wundern, wenn seine Meinung bei der Entscheidungsfindung nicht berücksichtigt wird.

Zum 3. Oktober

Das muss mal raus: Mich kotzen die Politiker, Vordenker und Meinungsführer an, die ihre Hackfressen mit schöner Regelmäßigkeit an diesem Feiertag in irgendwelche Kameras/Diktiergeräte halten und rumlamentieren, wieviel sie doch für die deutsche Einheit getan hätten und dass ohne ihren mehr als bescheidenen Beitrag die Geschichte ganz anders verlaufen wäre.

Wie sich diese aufmerksamkeitsgeilen Blender vor die eigentlichen Protagonisten der „Wende“ drängeln, wie sie sich um jedes noch so kleine Stück vom Ruhm prügeln, die rote Diktatur abgeschafft zu haben. Kann dieses Pack nicht einmal, wenigstens an diesem Tag, die Bühne frei machen für die wahren Helden des Untergangs der DDR: die hunderttausenden kleinen Männer und Frauen auf der Strasse, die unter Gefahr für Leib und Leben aufgestanden sind und gezeigt haben, dass sie die Schnauze voll hatten von diesem Staat? Danke.

Jolly Roger über Berlin!

Glückwunsch, Ladies! Es ist vollbracht, unsere Berliner Kaperfahrer haben mit tatkräftiger Unterstützung ihrer Wähler die Enterhaken ins Abgeordnetenhaus und die Bezirksverordnetenversammlungen geschlagen und sich an Deck geschwungen, wo sie nunmehr Klaus „Red Jack“ Wowereit und seinen Spießgesellen das Fürchten lehren werden.

Ein wochenlanger, entbehrungsreicher Wahlkampf liegt hinter den Hauptstadtpiraten und ihren Helfern aus dem gesamten Bundesgebiet. Tausende Plakate wurden angebracht, unzählige Flyer verteilt und viele Bürger über unsere Ziele aufgeklärt. Schlaf war Mangelware.

Und die Mühen wurden mehr als belohnt. Voraussichtlich 8,9% holten die Berliner Piraten, insgesamt 15 Sitze im Abgeordnetenhaus wurden piratisiert, ebenso zahlreiche Sitze in den einzelnen BVVs.

So bleibt mir nur, den Hauptstadtpiraten und den angereisten Helfern aus der Ferne für ihre Mühe und Hingabe, den Wählern aber für ihr Vertrauen in eine von vielen belächelte „Splitterpartei“ zu danken. Ohne euren Wind in unseren Segeln wäre dieser Erfolg unmöglich gewesen.

Jetzt gilt es: ab in die Wanten und durch die Untiefen der innerparlamentarischen Opposition lavieren. Vorher sei jedoch noch ein kleines Tänzchen erlaubt… 😉

* Artikel reichlich übernächtigt und mit nem übelsten Brummschädel zusammengeklöppelt… 😉

Spreng und die „Anonymitätsseuche“ – U r doing it wrong, Michael.

YOU'RE DOING IT WRONG!
see more Lolcats and funny pictures, and check out our Socially Awkward Penguin lolz!

Michael Spreng hat sich also Kraft seiner Wassersuppe über Anonymität im Netz aufgeregt und diese gewohnt markig als „Seuche“ verunglimpft. Er zieht über die anonymen Tippgeber und Rechercheure der Plagiatswikis her, die sowohl unseren ehemaligen Verteidigungsminister als auch Edmund Stoibers Tochter Veronica Saß sowie das FDP-Sternchen Silvana Koch-Mehrin und deren Parteikollegen Georgios Chatzimarkakis ihre mutmaßlich ergaunerten Doktortitel kosten werden.

Mit seiner Polemik bedient der bloggende „Sprengsatz“ einmal mehr das Stereotyp vom ach so bösen User im dunklen Kämmerlein, dessen einziger Lebensinhalt darin besteht, unbescholtenen Menschen zu schaden. In diesem Falle mal nicht durch irgendwelchen Datenklau oder Mobbing, sondern durch ganz schlimmes anonymes Denunzieren honoriger Bürger.

Herr Spreng fordert denn auch den „Kampf mit offenem Visier“ und auf Augenhöhe und stellt sich sofort als leuchtendes Vorbild hin:

„So verhielt ich mich auch als Journalist. Schon mit 20 entlarvte ich lieber einen Immobilienbetrüger, als mich durch 15.000 Mark davon abhalten zu lassen. Und während meiner Springer-Zeit wurde zweimal wegen Geheimnisverrat gegen mich ermittelt.“

Sehr mutig, wirklich. Wie aber schon ein Kommentarschreiber anmerkt:

„bei allem Respekt, aber mit der Springer-Rechtsabteilung im Rücken lass ich mich auch gerne wegen Geheimnisverrat verklagen.“

Unser mutiger Journalist hatte – bei allem Ungemach, die ihm diese Ermittlungen sicher bereiteten – immer eine Schar Rechtsanwälte hinter sich, die sich der kleine Mann, der einen Mißstand aufdecken möchte, im Zweifel nicht leisten kann.

Anonym != Pseudonym

Ein weiterer Fehler des sprengschen Rants wider die gesichtslosen Petzen ist die Verwechslung von Anonymität und Pseudonymität. Wer sich „anonymes“ Posten von Inhalten im Netz ansehen will, der kann eine kleine Tour durch die verschiedenen Imageboards machen. Dort kann man den Urheber eines Beitrags und seine Kommentatoren nicht auseinanderhalten, denn beide sind als „Anonymous“ – oder von mir aus auch als „Bernd“ unterwegs. Hier haben wir Anonymität in Reinkultur, das Aufgehen in einer gesichtslosen Masse.

Die ursprüngliche Intention des Beitrags war denn wohl auch die wüste Schmähung von pseudonymen Veröffentlichungen im Netz, speziell der Arbeit der Plagiatsjäger, die – laut Spreng – wohl kein Recht auf Schutz der eigenen Person vor Nachstellung durch weit überlegene Interessengruppen (hier: die Parteiapparate der beim Plagiieren erwischten Ex-Doktoren) haben.

Pseudonyme im Netz sind keine Wegwerfidentitäten, sondern Ersatzpersönlichkeiten, die über einen längeren Zeitraum aus ganz unterschiedlichen Gründen aufgebaut und gepflegt werden – ähnlich wie das Pseudonym eines Buchautors.

Journalisten waren mal Gatekeeper

Deal with it. Informationslieferanten scheinen laut Herrn Spreng nur das Recht auf Anonymität zu haben, wenn sie ihre Schmankerl brav in seinem toten Briefkasten abladen, sich ansonsten aus der Chose raushalten und darauf hoffen, dass sich ihro Gnaden dazu bequemt, aus dem Material eine Geschichte zu stricken.

Diese Art des Informationsflusses war spätestens dann passé, als neben der „Totholzpresse“ die ersten leicht zu bedienenden Tools zur Veröffentlichung von Nachrichten zur Verfügung standen. Ein Zurück wird es nicht geben, auch wenn Sprengs ehemaliger Arbeitgeber die Zeit am liebsten zurückdrehen würde. Der Zug ist abgefahren.

Wir werden alle sterben – echt jezz!

Manch ein Pirat sieht ja schon den Untergang des Abendlands heraufziehen, nur weil wir uns in unserer Partei ein paar widerborstige Pflänzchen herangezüchtet haben. Da wird auf Mailinglisten die Parteiausschlusskeule bemüht und in Private Messages wüst vom Leder gezogen, weil sich die Spackeria als ganz böse Medienhuren angeblich einen Teil der ausschließlich für die Piraten reservierten Aufmerksamkeitsspanne geklaut hätten. Lächerlich.

Und die vielerorts befürchtete und teilweise eingetretene Gleichsetzung der Post-Privacy-Ideologie unserem Parteiprogramm ist nicht das Resultat irgendeiner perfiden Marketingstrategie der Datenschutzkritiker, sondern vielmehr das Ergebnis grottenschlechter Recherche, Zuspitzung und Schlagzeilensuche seitens der Medien.

Wer nun befürchtet, die Partei würde durch diesen kleinen ThinkTank irreparabel geschädigt, überschätzt die Schlagkraft dieses Häufleins grandios. Im übrigen bin ich auch nicht Mitglied der Piraten geworden, um – wie zu Erichs Zeiten – rings um mich herum nur Leute mit der gleichen Meinung anzutreffen.

Der „Nachteil“, den man uns von allen Seiten andichtet – dass wir uns auf Parteitagen regelmäßig zerfleischen würden – ist mir allemal lieber als der Einheitsbrei bei anderen Veranstaltungen, auf denen ein einziger Kandidat eine Zustimmung von 90+ Prozentpunkten erhält und eine Wahl mit echten Alternativen als „Kampfkandidatur“ verunglimpft wird.

Abschließend habe ich noch ein Töpflein mit musikalischen Weisheiten für euch (man muß das Rad ja nicht immer neu erfinden), die ihr euch in einer ruhigen Minute einmal zu Gemüte führen solltet – und wenn ihr danach immer noch der Meinung seid, das Ende aller Tage sei nahe, dann geht halt sterben. Echt jezz.

Aus gegebenem Anlass…

… und weil die „alte Tante“ SPD in Sachen Sarrazin und Sozialdarwinismus anscheinend beratungsresistent ist (mehr ist zu diesem Trauerspiel momentan auch nicht zu sagen):

Quelle: Wikipedia, ursprünglich Bundesarchiv, Bild 102-16748. (Lizenz: CC-BY-SA)

„PostPrivacy“: Vergesst mal Staat, Einbrecher und Stalker, was ist mit Opa Hubert?

Jeder kennt ihn, jeder hat so einen als Nachbarn: Erbsenzähler, Flur- und Straßenblockwarte, Gartenzwerggrößenvermesser und Just-For-Fun-Gerichtscamper. Der Einfachheit halber geben wir diesem Menschenschlag mal ein Gesicht in Gestalt des „Opa Hubert“.

Opa Hubert war früher mal ein recht umgänglicher Mensch, aber seit die Kinder aus dem Haus und seine Gertrude unter der Erde ist, hat unser Opa einen leichten Knacks. Um sich von seiner Einsamkeit abzulenken, hat er sich eine schwere Bürde auferlegt: wieder Zocht und Ordnung in seine Straße zu bringen.

Denn es kann ja nicht angehen, dass der Bürgersteig ständig zugemüllt wird (Zwei Kaugummipapiere pro Tag! Eine Katastrophe!), Fräulein Wiese von nebenan ihren Köter im öffentlichen Park ausführt, so dass man bei jeder Gelegenheit in die Hundscheiße tritt (Opa Hubert war zwar zuletzt vor 15 Jahren zusammen mit Gertrude im Park, und seinen letzten Hundehaufen hat er vor 20 Jahren gesehen, aber man weiß ja, dass dieses Viehzeugs ständig und überall die Wege zukackt!), und dann noch dieses asoziale Pack von nebenan! Schon um 14:59 dröhnt die Musik und weckt ihn aus seinem wohlverdienten Nickerchen, obwohl die Mittagsruhe bis 15:00 geht! Steht alles in der Hausordnung, Opa Hubert besitzt sie in mehrfacher Ausführung – gerahmt an der Wand und abgeheftet in den Akten. Wobei er in all seiner Akribie vergessen hat, einfach mal zu prüfen, ob seine Uhr nicht eventuell einen kleinen Tick nachgeht.

Opa Hubert geht jeden Tag auf Patrouille. Dutzende „Falschparker“ hat er schon zur Anzeige gebracht, penibelst misst er den Abstand der abgestellten Vehikel zum Bürgersteig und zur nächsten Kreuzung. Ordnung muss sein! Er kennt jedes Gesetz, jedes Ordnungsblatt, sämtliche Paragraphen – und hat von seinem Wissen bereits unzählige Male Gebrauch gemacht. Bei seinen Nachbarn heißt er nur noch „Terroropa“, aber das stachelt ihn eher an, als dass es ihn zum Nachdenken bringt.

Nachdem wir unseren freundlichen, erbsenzählenden Nachbarn nun also in groben Zügen umrissen haben, stellt sich die Frage, die mir keiner unserer PostPrivacyApologeten zufriedenstellend beantworten konnte: was passiert, wenn solch ein „Terroropa“ sich irgendwann in die Materie eingearbeitet hat, virtuos mit Facebook, Twitter und sonstigen Social Networks umgehen kann (ja, auch unsere Generation wird mal in die Jahre kommen!) und die dort veröffentlichten – und öffentlichen(!) –  Daten dann nutzt, um seine Umgebung wieder auf Linie zu bringen? Der gemeine „Post-Privacy-Spacko“ weiß im Zweifel nicht, dass in seinem Viertel (auf Initiative von Opa Hubert übrigens!) ab 22 Uhr Nachtruhe herrscht. Und er mag Glück haben, dass Opa Huberts Fotoapparat nachts eher mäßige Beweisfotos von der Party schräg gegenüber im Spackenloft geliefert hat. Dafür aber sind die Facebook-Updates, Bilder und Handyvideos umso deutlicher – alle mit Orts- und Zeitangabe gepostet, getaggt und einzelnen Partyteilnehmern zugeordnet. Ein Eldorado für unseren Opa. Und es gäbe sicher noch dutzende weitere Anwendungsfälle, denn der Phantasie unseres Freizeitblockwarts sind sicher keine Grenzen gesetzt.

Update: Mehr Lesestoff zum Thema.