Archiv für den Monat Dezember 2012

„Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!“

Dieser Artikel folgt auf einen betont sachlich gehaltenen Beitrag über die Diskussionsunkultur beim Thema israelisch-palästinensischer Konflikt.

Der @tarzun würde sagen, dass wir mal wieder reden müssen. Müssen wir auch. Was haben wir damals über das antisemitische Flugblatt der Duisburger Linken gerantet, wisst ihr noch? Das Flugblatt, auf dem ein mit einem Hakenkreuz verschlungener Davidstern prangte? Ganz beschissenes Propagandablättchen mit nachgelagertem Riesenbohei. Kann uns ja wohl nicht passieren, oder?

Falsch. Das folgende Beispiel schlägt in die gleiche Kerbe wie der eben beschriebene Fuckup. Auf den Mailinglisten der Piratenpartei finden sich gleich mehrere vorurteilsbehaftete Ergüsse einer Person, die, um es mal vorsichtig auszudrücken, leicht beratungsresistent erscheint. Und ja, es handelt sich hier um ein Mitglied der Piratenpartei, nicht um eine außenstehende Person, die mal eben in unsere Mailinglisten gekotzt hat. Beispiel gefällig? Wir fangen mal mit leichterer Kost an. Aus dem Thread „Twitter – NRW-Pirat soll sich für Israel-Tweet entschuldigen – Aktuelle Nachrichten“ in der synchronisierten NRW-Mailingliste:

„Tatsache ist doch, dass auch der Jude an sich höchst verschieden ist, dass es da so’ne und so’ne gibt.“ (Link zum Post)

„Der Jude an sich“ – eine, sagen wir mal vorsichtig, unglückliche Formulierung. „Der Jude an sich“ existiert nicht als hier suggerierte, homogene Gruppe. Geht aber noch besser. Kostprobe?

„Es ist durchaus grotesk, einen vollkommen richtigen Gedenktag für 6 Mio ermordete Juden abzuhalten, während paar tausend Juden meinen, sie müssten das Judentum dadurch schützen und verteidigen, dass sie die Palästinenser um die Ecke bringen oder ihr Land so platt machen, dass sie dort nicht mehr leben, heißt, bleiben können.“ (gleicher Post)

Grotesk ist hier wohl eher der Versuch, die Opfer des Holocaust mit einer Polemik auf die aktuelle Politik der israelischen Regierung herabzuwürdigen. Ein regelrechter Hammer ist dann die Gleichsetzung von Gaza mit einem KZ. Glaubt ihr nicht? Ist aber vorgekommen.

„Oder, wenn man – völlig zu Recht – fordert, es dürfe nie wieder Konzentrationslager geben und damit zur Solidarität mit denjenigen aufruft, die gerade das Konzentrationslager Gaza bombardieren.“ (Link zum Post)

Wer hier noch nicht im Dreieck fazialpalmiert, der sei im Folgenden auf die Beratungsresistenz der Urheberin dieser abstrusen Theorie hingewiesen, die nach heftiger Kritik an ihrer Äußerung nochmals nachlegt.

„Der Gaza-Streifen ist ein Konzentrationslager.
Er ist eingezäunt, abgeriegelt, eingemauert, Zugang gibt es nur mit israelischer Genehmigung und letztlich beansprucht Israel darüber zu bestimmen, was dort geschehen darf und was nicht.

Was, nebenbei bemerkt, auch für die noch nicht ganz so eingemauerte Westbank gilt“ (Link zum Post )

Sofern man sich nach dieser Kanonade an geballtem Geschichtsrelativismus weiter durch die verquere kleine Welt besagter Dame wühlen will, kann sich auf den gesamten 17 Seiten des Threads von ihrer festgefahrenen Ideologie und Uneinsichtigkeit überzeugen.

Nun ist natürlich die Mailingliste der NRW-Piraten nicht die einzige, auf der sich Madame ausgebreitet hat. Da gibt es noch die – nicht ins Forum synchronisierte – Liste der AG Außenpolitik.

„Damit ist offiziell, was ich schon seit einiger Zeit erkläre: Israel beabsichtigt, im Zuge der alten Groß-Israel-Ideologie ganz Palästina zu annektieren (möglicherweise ist der gegenwärtige Konflikt in Gaza ein Schritt dazu, denn Israel droht mit Besatzung).“ (Link zu gesicherter Mail)

Auch abseits von Israel zieht die Dame recht abstruse Vergleiche. Hier nur ein Beispiel unter vielen:

„Ich spreche vom Nationalsozialismus. Das ist eine nach dem alten Vorbild der Kirche gebaute Staatsidee, …“ (Link zum Post)

Man könnte meinen, sie stünde mit ihrer Sicht der Dinge relativ alleine da, vor allem, da bereits Anzeige gegen sie erstattet wurde. Weit gefehlt, sie scheint bereits ihre kleine Schar an Fanboys versammelt zu haben.
Nachdem sich also mehrere Piraten zu Recht über Madames verquere Weltsicht erregten, kam von ihrer Fanbase der Vorwurf des „Mobbings“, des „unkontrollierten Mobs“ an die gesamte Partei, die Piraten wurden mit wilden Tieren verglichen, und generell sollten wir gefälligst froh sein, jemanden wie Otla Pinnow mit ihrer Fähigkeit zur „sachlichen Analyse“ unter uns zu haben. Das alte Muster also, in das gewisse Leute verfallen, sobald ihre abstruse Gedankenwelt etwas näher beleuchtet wird: sie verfallen in die Opferrolle.

Wenn ihr mich nun entschuldigt, ich geh kotzen. Im Strahl.

Update:

Israel: Von Grabenkämpfen und dem Wert wahrer Freundschaft

Dieser eher allgemein gehaltene Artikel sollte ursprünglich für sich allein stehen, nachdem ich jedoch dieses Wochenende über ein paar besondere „Perlen“ stolpern durfte, ist es wohl mal wieder Zeit für einen „Lernen durch Schmerz“-Rant. Der ist in einem separaten Beitrag zu finden.

Vor, während und nach dem erfolgreichen Antrag Palästinas auf Anerkennung als Beobachterstaat ist wieder einmal die Diskussion um die Palästinapolitik der israelischen Regierung aufgeflammt und sofort in die altbekannten Muster zurückgefallen.

Die lautesten Teilnehmer sind auch hier diejenigen, die sich, verschanzt in ihren ideologischen Burgen, über das Niemandsland hinweg ankeifen und aneinander vorbeibrüllen. Dass sie sich dabei immer weiter hochschaukeln und ihre Feindbilder wechselseitig bestätigen, scheint ein auf beiden Seiten willkommener Nebeneffekt zu sein.

Dass man in solch aufgeheizter Atmosphäre zu keinerlei konstruktivem Ergebnis kommt, müsste eigentlich klar sein. Wenn auf der einen Seite israelische Politiker bzw. ganz Israel als „Nazis“ verunglimpft werden, der jeweilige Regierungschef auf dumpfen „Karrikaturen“ gerne mal mit Hakenkreuzarmbinde dargestellt wird und über einem Aufruf zum Boykott jüdischer Waren (wobei allein schon ein solcher Aufruf unangenehme Erinnerungen weckt) ein mit einem Hakenkreuz verbundener Davidstern prangt, während auf der anderen Seite sämtliche Palästinenser mit der Hamas, der Hisbollah und am besten noch dem Iran in einen Topf geschmissen und als mordgierige Wilde dargestellt sowie selbst minimalst kritische Äußerungen an der Politik der israelischen Regierung als „Antisemitismus“ verunglimpft werden, ist ein Dialog unmöglich und von beiden Seiten wohl auch nicht gewünscht.

Netanjahu handelt weder im Namen aller Israelis noch im Namen aller Juden, wenn er den Gazastreifen bombardieren lässt und dabei „Kollateralschäden“ billigend in Kauf nimmt (ja, auch „Präzisions“bomben und Lenkflugkörper sind Waffen mit Flächenwirkung) oder den Bau weiterer Siedlungen im Westjordanland vorantreibt, auch wenn dieser Alleinvertretungsanspruch gerne mal vorgeschoben wird.

Genausowenig jedoch handeln Hamas und Hisbollah im Namen aller Palästinenser, wenn sie nach dem Motto „scheißegal, wo das Ding hochgeht, Hauptsache, ein Jude stirbt“ regelmäßig ihre Raketen gegen israelische Siedlungen und Städte schicken oder Selbstmordattentäter Busse und Cafés in die Luft jagen lassen.

Den Verfechtern beider Seiten sollte darüber hinaus bewußt sein, dass neben Anschlägen und Vergeltungsmaßnahmen, neben Raketenangriffen und Bombardierungen noch eine eine weitere Schlacht tobt. Diese wird nicht mit Waffen ausgetragen, sondern mit Bildern, Videos und Worten. Die reine Wahrheit sucht man dort vergebens. Es werden Bilder gestellt, Videos gefälscht (wer erinnert sich noch an den angeblich schwer verletzten Mann, der Minuten später wieder aufstand und durchs Bild einer anderen Kamera lief?), Berichte abgeschwächt, übertrieben und verschwiegen (das Video eines Dronenangriffes, bei denen man extra gewartet hat, bis der Fahrradfahrer sich vom Zielort entfernt hatte, bevor man aufs Knöpfchen drückt, ist gut für die PR; andere Bilder stehen uns nicht zur Verfügung).

Beide Parteien betreiben Propagandaabteilungen, die die sozialen Netzwerke bedienen und die dortigen User auf ihre Seite ziehen wollen. Der Wahrheitsgehalt der von diesen „Quellen“ bezogenen Informationen ist bestenfalls dürftig und sollte ohne Prüfung niemals für bare Münze genommen werden.

Nach dem Erfolg der Palästinenser sollten sich nun zumindest die Herrn Abbas zugehörigen Kräfte bei aller Euphorie darauf konzentrieren, die Unterstützung, die sie bei der Abstimmung zum Beobachterstatus offensichtlich hatten, nicht wieder zu verspielen.

Die israelische Regierung sollte sich trotz aller Verstimmung über die Enthaltung Deutschlands bei besagter Abstimmung fragen, wie sie den Begriff „Freundschaft“ definiert sehen möchte.
Wahre Freundschaft bedeutet nicht, jeder Entscheidung, jeder Aktion des Partners freudig zu applaudieren, egal was man davon hält, im Gegenteil.
Freundschaft bedeutet auch die Sorge um den Partner, ihn auf mögliche Fehler hinzuweisen, ihn davor zu warnen, wenn er – möglicherweise – gerade auf einen Abgrund zusteuert.