Sarrazin, Friedrich und rechtspopulistischer Sozialdarwinismus

Wer unserem „Bundesdenker“ Thilo eine Weile zugehört und sich die Mühe gemacht hat, seine kruden Thesen zu lesen, der wird den Eindruck nicht los, dass der braune Schnauzer eine längst obsolete Pseudowissenschaft herausgekramt hat: den Sozialdarwinismus . Äußerst beliebt unter Addi und Konsorten, bot diese Ersatzreligion – bei entsprechender Interpretation – eine bequeme Ausrede, um Juden, Zigeuner, „Asoziale“ und sonstige Unerwünschten „aus dem Volkskörper zu entfernen“.

Unser Thilo geht denn auch davon aus, dass „der Moslem an sich“ dem westlich geprägten Menschen kulturell unterlegen sei. Auch begehen ähnlich denkende Individuen den Fehler, Darwin die These „der Stärkere überlebt“ in den Mund zu legen, um ihren menschenfeindlichen Absichten einen legitimen Anstrich zu verleihen. Darwin jedoch postulierte nicht das „Überleben des Stärkeren“, sondern erklärte, dass diejenigen Lebewesen die größeren Verbreitungschancen hätten, die sich am besten an ihre jeweilige Umwelt anpassen könnten.

Zusätzlich zur Pervertierung der darwinschen Theorie durch die konservativen Rechtsausleger unserer Republik, begehen Sarrazin, Friedrich und Co. auch noch den (absichtlichen?) Fehler, sich auf Nebensächlichkeiten zu konzentrieren, um Probleme zu „erklären“. Und weil unsere Freunde vom rechten Rand ja Freunde der Evolutionstheorie sind, werden wir ihnen einen ihrer verbreiteten Irrtümer mit Hilfe ebendieser zu erklären.

Unsere braunen Marktschreier gehen ja desöfteren davon aus, dass der Migrationshintergrund (lies: die fremde, also „minderwertige Rasse“) ein Hauptfaktor für Kriminalität sei. Betrachten wir also das Phänomen kriminellen Verhaltens als biologische Nische, die – je nach Ort – von Menschen unterschiedlichster Coleur ausgefüllt wird. Bedienen wir uns desweiteren bei dieser Betrachtung des Bildes einer langgezogenen Blüte, die an die mit ihr in Symbiose lebenden Tiere spezielle Anforderungen stellt.

Ein Insekt, das sich vom Nektar dieser Blüte ernährt, müsste aufgrund der Blütenform einen besonders langen Rüssel entwickelt haben, um die Nahrung überhaupt erreichen zu können. Oder vielleicht erlauben es speziell angepasste Füsse dem Insekt, auf der besonders glatten Innenseite der Blüte Halt zu finden. Gehen wir davon aus, dass die Pflanzenart eine weite Verbreitung gefunden hat und deren Nektar mehreren Insektenarten als Nahrung dient. Die eine Insektenart mag vielleicht eine schwarz-gelbe Zeichnung aufweisen, die andere eine braune.

Anstatt nun den Rüssel oder die besonders gut haftenden Füsse als Hauptinstrumente zur Nahrungsbeschaffung anzusehen, bestehen die Herren Friedrich, Sarrazin und deren Anhänger vom braunen Mob darauf, dass es die farbigen Zeichnungen wären, die dem Insekt das Erreichen des Nektars überhaupt erst ermöglichen.

Auf die „Integrationsdebatte“ (oder besser das Integrationsgezeter) übertragen, brüllen sich Sarrazin und Co. im Brustton der Überzeugung die Seele aus dem Leib, dass nur und ausschließlich die von ihnen als minderwertig empfundene Kultur der Einwanderer (lies: „Untermensch“) Ursache krimineller Tendenzen in den Großstädten sei, statt auf die massenhaft zutage tretende Bildungs-, Perspektiv- und Chancenlosigkeit in den sogenannten „Problemvierteln“ zu schauen.

Dass man in den als „No-Go-Areas“ für Migranten (von NPD und Konsorten auch liebevoll als „national befreite Zonen“ tituliert) bekannten Stadtteilen und Provinznestern Ostdeutschlands die selben Nischen vorfindet, die dort jedoch von gröhlenden Glatzen und einer saufenden Dorfjugend besetzt werden, das interessiert die Herren Marktschreier nicht.

4 Gedanken zu „Sarrazin, Friedrich und rechtspopulistischer Sozialdarwinismus

  1. Iglesias

    Ich denke man sollte Friedrich und Sarrazin nicht gleich in einen Topf werfen, sofern mir es zumindest gelingt Sarrazins Äußerung als Humor zu verstehen. Zynisch betrachtet hat er einfach nur Recht, egal was sein Sohn macht.
    PP

    [Edit: URL entfernt. Mit fremden Federn wird sich nicht geschmückt. MfG, Mathias.]

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  2. Rabi

    Ich muss mich Iglesias anschließen.
    Sarrazin ist einer der Hass schüren will, Meinungen spalten und durch gezielte Provokationen auf sich aufmerksam machen will um so sein Buch verkaufen zu können und sich selbst die Gewissheit geben zu können etwas für Deutschland getan zu haben.
    Friedrich hingegen wirkt ehr so als hätte er kein Plan von was er überhaupt redet, hauptsache irgendwas ist gesagt, typische Fehlbesetzung des Innenministeriums eben.
    Dennoch gibt es Zusammenhänge; keiner von beiden hat sich anscheinend jemals mit einem echten Koranfundamentalisten angefreundet oder ein Gespräch auf gleicher Ebene geführt, sonst wüssten sie, dass der Unterschied zwischen Islam und Christentum gar nicht mal soo groß ist wie sie immer behaupten.
    Der größte Unterschied meiner Meinung nach, ist der, dass Gott jeweils eine andere Position einnimmt, was aufgrund der unterschiedlichen Ursprünge klar ist.
    Dennoch; die Lebensweise ist praktisch die selbe.
    Vielleicht liegt die Islamfeindlichkeit auch einfach daran, dass man es der Religion nicht „gönnen“ will, ohne knappe 1000Jahre lange Unterdrückung ihre Existenz zu sichern. Ich für meinen Teil kenne Islamisten einfach als Leute die in Frieden leben wollen und in Ruhe ihren Glauben ausüben wollen ohne ständig von irgendwelchen Ignoranten gestört zu werden, so wie ich mir auch die ersten Christen vorstelle, bis sie „verboten“ wurden.

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  3. Pingback: Aus gegebenem Anlass… | Gormulus

  4. Javi Hache

    Hast du das „the origin of species or the survival of the favored races in the struggle for life“ GANZ gelesen? Niemand begeht den fehler da Darwin tatsächlich genau das sagt in den Bücher… Besonders im „the Origin of man“. Darwinismus ist die Liberalismus Theorie, aber umgewandelt zu einer Theorie der Natur die die Natur nicht entspricht. Bitte lesen Darwin vor über Darwin sprechen.

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