Archiv für den Monat April 2011

Aus gegebenem Anlass…

… und weil die „alte Tante“ SPD in Sachen Sarrazin und Sozialdarwinismus anscheinend beratungsresistent ist (mehr ist zu diesem Trauerspiel momentan auch nicht zu sagen):

Quelle: Wikipedia, ursprünglich Bundesarchiv, Bild 102-16748. (Lizenz: CC-BY-SA)

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„PostPrivacy“: Vergesst mal Staat, Einbrecher und Stalker, was ist mit Opa Hubert?

Jeder kennt ihn, jeder hat so einen als Nachbarn: Erbsenzähler, Flur- und Straßenblockwarte, Gartenzwerggrößenvermesser und Just-For-Fun-Gerichtscamper. Der Einfachheit halber geben wir diesem Menschenschlag mal ein Gesicht in Gestalt des „Opa Hubert“.

Opa Hubert war früher mal ein recht umgänglicher Mensch, aber seit die Kinder aus dem Haus und seine Gertrude unter der Erde ist, hat unser Opa einen leichten Knacks. Um sich von seiner Einsamkeit abzulenken, hat er sich eine schwere Bürde auferlegt: wieder Zocht und Ordnung in seine Straße zu bringen.

Denn es kann ja nicht angehen, dass der Bürgersteig ständig zugemüllt wird (Zwei Kaugummipapiere pro Tag! Eine Katastrophe!), Fräulein Wiese von nebenan ihren Köter im öffentlichen Park ausführt, so dass man bei jeder Gelegenheit in die Hundscheiße tritt (Opa Hubert war zwar zuletzt vor 15 Jahren zusammen mit Gertrude im Park, und seinen letzten Hundehaufen hat er vor 20 Jahren gesehen, aber man weiß ja, dass dieses Viehzeugs ständig und überall die Wege zukackt!), und dann noch dieses asoziale Pack von nebenan! Schon um 14:59 dröhnt die Musik und weckt ihn aus seinem wohlverdienten Nickerchen, obwohl die Mittagsruhe bis 15:00 geht! Steht alles in der Hausordnung, Opa Hubert besitzt sie in mehrfacher Ausführung – gerahmt an der Wand und abgeheftet in den Akten. Wobei er in all seiner Akribie vergessen hat, einfach mal zu prüfen, ob seine Uhr nicht eventuell einen kleinen Tick nachgeht.

Opa Hubert geht jeden Tag auf Patrouille. Dutzende „Falschparker“ hat er schon zur Anzeige gebracht, penibelst misst er den Abstand der abgestellten Vehikel zum Bürgersteig und zur nächsten Kreuzung. Ordnung muss sein! Er kennt jedes Gesetz, jedes Ordnungsblatt, sämtliche Paragraphen – und hat von seinem Wissen bereits unzählige Male Gebrauch gemacht. Bei seinen Nachbarn heißt er nur noch „Terroropa“, aber das stachelt ihn eher an, als dass es ihn zum Nachdenken bringt.

Nachdem wir unseren freundlichen, erbsenzählenden Nachbarn nun also in groben Zügen umrissen haben, stellt sich die Frage, die mir keiner unserer PostPrivacyApologeten zufriedenstellend beantworten konnte: was passiert, wenn solch ein „Terroropa“ sich irgendwann in die Materie eingearbeitet hat, virtuos mit Facebook, Twitter und sonstigen Social Networks umgehen kann (ja, auch unsere Generation wird mal in die Jahre kommen!) und die dort veröffentlichten – und öffentlichen(!) –  Daten dann nutzt, um seine Umgebung wieder auf Linie zu bringen? Der gemeine „Post-Privacy-Spacko“ weiß im Zweifel nicht, dass in seinem Viertel (auf Initiative von Opa Hubert übrigens!) ab 22 Uhr Nachtruhe herrscht. Und er mag Glück haben, dass Opa Huberts Fotoapparat nachts eher mäßige Beweisfotos von der Party schräg gegenüber im Spackenloft geliefert hat. Dafür aber sind die Facebook-Updates, Bilder und Handyvideos umso deutlicher – alle mit Orts- und Zeitangabe gepostet, getaggt und einzelnen Partyteilnehmern zugeordnet. Ein Eldorado für unseren Opa. Und es gäbe sicher noch dutzende weitere Anwendungsfälle, denn der Phantasie unseres Freizeitblockwarts sind sicher keine Grenzen gesetzt.

Update: Mehr Lesestoff zum Thema.

Sarrazin, Friedrich und rechtspopulistischer Sozialdarwinismus

Wer unserem „Bundesdenker“ Thilo eine Weile zugehört und sich die Mühe gemacht hat, seine kruden Thesen zu lesen, der wird den Eindruck nicht los, dass der braune Schnauzer eine längst obsolete Pseudowissenschaft herausgekramt hat: den Sozialdarwinismus . Äußerst beliebt unter Addi und Konsorten, bot diese Ersatzreligion – bei entsprechender Interpretation – eine bequeme Ausrede, um Juden, Zigeuner, „Asoziale“ und sonstige Unerwünschten „aus dem Volkskörper zu entfernen“.

Unser Thilo geht denn auch davon aus, dass „der Moslem an sich“ dem westlich geprägten Menschen kulturell unterlegen sei. Auch begehen ähnlich denkende Individuen den Fehler, Darwin die These „der Stärkere überlebt“ in den Mund zu legen, um ihren menschenfeindlichen Absichten einen legitimen Anstrich zu verleihen. Darwin jedoch postulierte nicht das „Überleben des Stärkeren“, sondern erklärte, dass diejenigen Lebewesen die größeren Verbreitungschancen hätten, die sich am besten an ihre jeweilige Umwelt anpassen könnten.

Zusätzlich zur Pervertierung der darwinschen Theorie durch die konservativen Rechtsausleger unserer Republik, begehen Sarrazin, Friedrich und Co. auch noch den (absichtlichen?) Fehler, sich auf Nebensächlichkeiten zu konzentrieren, um Probleme zu „erklären“. Und weil unsere Freunde vom rechten Rand ja Freunde der Evolutionstheorie sind, werden wir ihnen einen ihrer verbreiteten Irrtümer mit Hilfe ebendieser zu erklären.

Unsere braunen Marktschreier gehen ja desöfteren davon aus, dass der Migrationshintergrund (lies: die fremde, also „minderwertige Rasse“) ein Hauptfaktor für Kriminalität sei. Betrachten wir also das Phänomen kriminellen Verhaltens als biologische Nische, die – je nach Ort – von Menschen unterschiedlichster Coleur ausgefüllt wird. Bedienen wir uns desweiteren bei dieser Betrachtung des Bildes einer langgezogenen Blüte, die an die mit ihr in Symbiose lebenden Tiere spezielle Anforderungen stellt.

Ein Insekt, das sich vom Nektar dieser Blüte ernährt, müsste aufgrund der Blütenform einen besonders langen Rüssel entwickelt haben, um die Nahrung überhaupt erreichen zu können. Oder vielleicht erlauben es speziell angepasste Füsse dem Insekt, auf der besonders glatten Innenseite der Blüte Halt zu finden. Gehen wir davon aus, dass die Pflanzenart eine weite Verbreitung gefunden hat und deren Nektar mehreren Insektenarten als Nahrung dient. Die eine Insektenart mag vielleicht eine schwarz-gelbe Zeichnung aufweisen, die andere eine braune.

Anstatt nun den Rüssel oder die besonders gut haftenden Füsse als Hauptinstrumente zur Nahrungsbeschaffung anzusehen, bestehen die Herren Friedrich, Sarrazin und deren Anhänger vom braunen Mob darauf, dass es die farbigen Zeichnungen wären, die dem Insekt das Erreichen des Nektars überhaupt erst ermöglichen.

Auf die „Integrationsdebatte“ (oder besser das Integrationsgezeter) übertragen, brüllen sich Sarrazin und Co. im Brustton der Überzeugung die Seele aus dem Leib, dass nur und ausschließlich die von ihnen als minderwertig empfundene Kultur der Einwanderer (lies: „Untermensch“) Ursache krimineller Tendenzen in den Großstädten sei, statt auf die massenhaft zutage tretende Bildungs-, Perspektiv- und Chancenlosigkeit in den sogenannten „Problemvierteln“ zu schauen.

Dass man in den als „No-Go-Areas“ für Migranten (von NPD und Konsorten auch liebevoll als „national befreite Zonen“ tituliert) bekannten Stadtteilen und Provinznestern Ostdeutschlands die selben Nischen vorfindet, die dort jedoch von gröhlenden Glatzen und einer saufenden Dorfjugend besetzt werden, das interessiert die Herren Marktschreier nicht.

Wollt ihr den totalen Kerrriiii… Ähm… die Mindestdatenspeicherung?

Laut unserem neuen GröVaZ (Größten Vorratsdatenschnüffler aller Zeiten seit dem Mielke-Fan Wolle Schäuble) Hans-Peter Friedrich herrschen ja Sodom und Gomorrha im Netz, und Zocht und Ordnung(!!) liegen danieder, seit die Union vom Bundesverfassungsgericht für ihre Schnüffelgeilheit abgewatscht wurde.

Und wieder einmal soll ganz Deutschland an bayrischer Polizeistaatswillkür genesen. Zusammen mit dem „Stasi 2.0“-PR-Heini und Polizeigewerkschaftsvorsitzenden Rainer Wendt packte unser neuer Bundesinnenkasper einmal mehr die erwiesenermaßen falsche Argumentation aus, ohne Vorratsdatenspeicherung sei eine Ermittlung im Netz unmöglich (lies: der „rechtsfreie Raum Internet“).

Die einzige Lehre, die unser beratungsresistenter Innenminister aus den Debatten um die Onlineschnüffelei gezogen zu haben scheint, ist, dass dieses Projekt unbedingt einen neuen Namen braucht:

Auch Friedrich will lieber von Mindestdatenspeicherung sprechen: „Dieser Begriff ist besser, denn bei Vorratsdatenspeicherung wird man merkwürdig angeschaut.“

Jawoll. Wenn du deine Scheiße nicht mehr verkauft bekommst, hinterfrage nicht das Produkt, sondern benenne es einfach um. Der Verbraucher (hier: der Bürger) wird schon dämlich genug sein, diesen Stunt zu schlucken. Und wenn nicht, dann stopfen wir es ihm solange in seinen widerborstigen Hals, bis er es runterwürgen muss, gell?