Archiv für den Monat Februar 2011

Guttenberg: Mach‘ mal jemand ’ne Dose Mitleid auf…

Zu Hülf, die Lichtgestalt wird demontiert! Im konservativen Lager rennen sie jetzt herum wie aufgescheuchte Hühner, denn ihr politischer Heiland, ihr Erlöser, ihr Stimmviechgarant wackelt ganz erheblich.

Die Aura der ehrlichen Haut, die kein Blatt vor den Mund nimmt, die das – oft simple – Weltbild des gemeinen CSU-Anhängers eloquent wiederzukäuen in der Lage ist, den Wähler nicht belügt, stets die Bodenhaftung behält, sie schwindet!

Das kann, das darf natürlich nicht sein. Und wie immer in solchen Fällen ähnelt die solchermaßen gekränkte Anhängerschaft einem bockigen Kind, dem man das Lieblingsspielzeug weggenommen hat. Wohlgemerkt: Die Guttenberg-Fanatiker nehmen nicht etwa ihrem Idol übel, dass es doch nicht ganz so ehrlich zu ihnen war, im Gegenteil. Blind vor Wut wird auf den Überbringer der Nachricht eingedroschen, der ach so arme Doktor in Schutz genommen.

Zu Vollpfosten machen sich die selbsternannten Prätorianer des Freiherren endgültig, wenn sie für ihren Schutzbefohlenen das einfordern, was sie „dem Internet“ und sonstigen Feindbildern nie zustehen würden: Nachsicht. Die hat er nicht verdient, im Gegenteil.

Wer im Einklang mit den Lobbyisten der Contentmafia und vorsintflutlicher Auffassung von Netzpolitik gegen das Internet hetzt, mit der vollen Absicht, die freie Meinungsäußerung im Web sturmreif zu schießen, der verdient ebensowenig „Gnade“ wie der schwulen- und latinofeindliche „Kein-Sex-vor-der-Ehe“-Republikaner-Rechtsaußen, der vor Kameras tränenreich seinen Abschied verkünden muss, weil er seine Geliebte(n) regelmäßig im ansonsten knochentrockenen Ehebett genagelt hat. Und die Wut des rechtschaffenden Studenten ist durchaus angebracht.

Guttenbergs einzige(!) Leistung bestand in der Vorspiegelung eines gewissen Anstands und einer Geradlinigkeit, die unsere derzeitigen Politiker allesamt vermissen lassen. Der Freiherr wollte dem Wahlviech weismachen, er stünde für kompromisslose Ehrlichkeit.

Er hat seine Konkurrenz wie seine Untergebenen in aller Öffentlichkeit mit enorm hohen Maßstäben gemessen (siehe auch: Abwälzung mangelhafter Informationskoordination auf den Generalinspekteur der Bundeswehr, Beurlaubung des Gorch-Fock-Kapitäns ohne vorherige Anhörung) und beschwert sich nun, wenn er selbst an ebendiesen scheitert? Dieses Verhalten würde eher zu einem quengelnden Kleinkind passen.

Und wer jetzt „Hexenjagd“ schreit, der ignoriert geflissentlich die Hofberichterstattung, die das CSU-Sternchen monatelang genießen durfte. Ihm ist nur zuteil geworden, was seit Ikarus unzähligen hoch fliegenden Persönlichkeiten widerfuhr: er ist wieder auf dem Boden der Tatsachen gelandet.

Mubarak „Alternativlos“

Was mich am Umgang westlicher Schreiberlinge und Politiker mit der ägyptischen Revolution extrem aufregt, ist der latente Verdacht gegenüber dem „arabischen Frühling“, ein erfolgreicher Umsturz könne ausschließlich in eine brutale Theokratie á la Iran münden. Da kann der Jungspund auf der Straße genauso wie die stolze, demonstrierende Frau noch so energisch widersprechen, im Westen herrscht die durchgängige Meinung, wenn „der Moslem“ auf die Straße geht, kann am Ende nur ein Chomeini-Klon auf dem Thron sitzen.

Mit dieser Panikmache sind Mubarak und Konsorten jahrzehntelang wundervoll gefahren. Und auch jetzt noch wirkt die ständige Terrorrhetorik nach, glaubt man eher inländischen Pappnasen, die im TV apokalyptische Zukunftsvisionen ausbreiten dürfen, solange unterm Namen am Bildschirmrand noch das Zauberwörtchen „Experte“ steht.

Scheiß drauf, dass am zentralen Platz in Kairo religionsübergreifend gebetet wird, bevor man zum Protest schreitet. Dass der einfache Mann auf religiöse Fundamentalisten flucht. Dass die Revolution nicht von alten Männern mit Bärten getragen wird, sondern von einer freiheits- und lebenshungrigen Jugend.

„Der Moslem“ an sich rennt – wenn er erst mal die freie Wahl hat – sofort den radikalen Dschihadisten in die Arme, lies: ist zu dämlich für die Demokratie.

Dies ist das Bild, das westliche Politiker entweder im Kopf haben oder aufgrund eigener (staatlicher) Interessen immer wieder verbreiten: Der unmündige Muslim, der ohne westliche Anleitung einen Übergang zur Demokratie nicht hinbekommt.

Überhaupt muss man sich sehr genau ansehen, wer momentan von „Nichteinmischung“ in innerägyptische Angelegenheiten spricht. Wie gestelzt sowohl Europa als auch die USA von „geordneter Transformation“ sprechen, und dass man lieber nicht eingreifen solle. Tatsache ist: wir haben seit Jahren in innerägyptische Angelegenheiten eingegriffen. Wir greifen noch immer ein.

Wir nehmen Partei – und zwar für den Repressionsapparat des Herrn Mubarak. Seit Jahren ist Geld nach Ägypten geflossen – als Militär- und „Entwicklungs“hilfe. Solange dieses Geld weiterfließt, nehmen wir Partei für die feine Gesellschaft, die vor wenigen Tagen ihre Prügelbataillone auf den Tahrir-Platz schickte, um friedliche Demonstranten für den erlittenen Imageschaden zu bestrafen. Wir finanzieren Schlagstöcke, Reiz- und Tränengas, Gummigeschosse und scharfe Munition, die vom Regime gegen das eigene Volk eingesetzt werden.

Gut, man distanziert sich inzwischen vorsichtig vom ägyptischen Noch-Präsidenten. Gleichzeitig aber mehren sich die Stimmen, dass die Demonstranten doch im Sinne einer „geordneten Transformation“ bitteschön mit dem neuen Vizepräsidenten zusammenarbeiten möchten, so er denn die Macht von Mubarak erben sollte. Und man wundert sich, warum diese Forderung in den Ohren der Demonstrierenden wie blanker Hohn klingt.

Man versetze sich nur einmal 20 Jährchen in die Vergangenheit und überlege sich folgendes Szenario: Honecker ernennt vor seiner Abdankung Erich Mielke als Nachfolger, und der Westen verlangt von der DDR-Opposition, im Interesse einer „geordneten Transformation“ doch bitteschön mit diesem „durchaus vernünftigen Mann“ zusammenzuarbeiten. Eine unzumutbare Forderung, gell? Und warum verlangt man von der ägyptischen Opposition nun eine Zusammenarbeit mit Suleiman ?