Archiv für den Monat September 2010

Lörrach: Die Heuchelei der „Qualitätsjournalisten“

Der Stern fühlt sich also mal wieder zum allgemeinen Bashing der Netzgemeinde berufen, wobei der Autor seltsamerweise Twitter mit „dem Netz“ gleichzusetzen scheint und den Rest wohlweislich ausklammert. Man vermisst also „kollektive Trauer“ und „Anteilnahme“ und echauffiert sich über Tweets wie den von @zynaesthesie:

„Die Amokläuferin von #Lörrach: heterosexuell, verheiratet, katholisch, Juristin. #Bosbach weiß noch nicht so richtig, was er verbieten will“

Desweiteren scheint Herr Disselhoff der Meinung zu sein, dass unser aller Lieblingsdemagoge Wolfgang Bosbach seines Schutzes bedarf:

„Die Häme der User trifft vor allem den CDU-Politiker Wolfgang Bosbach. Der Vorsitzende des Innenausschusses des Bundestages hatte sich nach dem Amoklauf von Winnenden für ein Verbot von Paintballspielen eingesetzt.“

Dass sich der gut durchgebratene Wolfgang in seinem Eifer, der Stammtischmeinung vorzugreifen, außerdem rigoros für ein Verbot von Egoshootern einsetzt, lassen wir mal außen vor. Auch, dass sämtliche sogenannten „Qualitätsmedien“ die von den Unionspolitikern diktierten Verbotsforderungen unkommentiert übernommen hatten und sie ständig wiederkäuten, brauchen wir nicht gesondert zu erwähnen.

Jetzt aber der Netzgemeinde ihren Zynismus vorzuwerfen, der nach Jahren des Trommelfeuers aus den Reihen erzkonservativer Hetzer nur allzu verständlich sein sollte, zeugt von mangelnder Beschäftigung mit dem Thema. Den Vogel schießt übrigens der Schlußsatz ab:

„So funktioniert das Web nur allzu oft. Aus einer einzelnen Meldung wird eine Lawine, die den Wahrheitsgehalt und das menschliche Drama oft unter sich begräbt.“

Man ersetze in diesem Absatz das Wort „Web“ mit „Qualitätsjournalismus“ und erinnere sich an die Berichterstattung zum Thema „Amoklauf“ in Verbindung mit „Killerspielen“.

Update: Sehr schön auch der Artikel „Die Textbausteine der Gewohnheitsheuchler“ von Till Achinger, der zeigt, wie „Journalismus“ beim Stern funktioniert: per Copy+Paste. Man vergleiche den Artikel über die Netzreaktion zu den Ereignissen von Lörrach mit dem über die Reaktionen zu Winnenden. Was für ein Armutszeugnis…

depub.org: Wider die digitale Bücherverbrennung

Es ist schon traurig, dass es engagierte Bürger braucht, um die Inhalte der Tagesschau-Seiten (und zukünftig wohl auch die anderer öffentlich-rechtlicher Medien) vor der Vernichtung durch privatwirtschaftliche und politische Interessen zu retten.

Weil private Medienunternehmen offensichtlich weder in der Lage noch willens sind, funktionierende Geschäftsmodelle für ihre Online-Inhalte zu entwickeln, scheinen sie die Konkurrenz der gebührenfinanzierten Medien zu fürchten wie der Teufel das Weihwasser und bekämpfen die unliebsamen Mitbewerber mit allen Mitteln.

Die Konsequenz für den Gebührenzahler? Seit dem 1. September 2010 sind die von seinem Geld finanzierten Inhalte nicht etwa – wie es sein sollte – permanent im Netz abrufbar, sondern haben ein Verfallsdatum, nach dessen Ablauf sie gelöscht werden müssen (danke auch an Kurt Beck für die nochmalige Bestätigung meiner Entscheidung, der SPD mein Kreuz zu verweigern).

Nun war ja glücklicherweise das Tagesschau.de-Archiv der Jahre 1999-2010 in Form eines Torrents auf einschlägigen Seiten aufgetaucht. Die Aufbereitung des Archivs, inklusive Verschlagwortung, Kategorisierung, Verknüpfung, laufender Aktualisierung und der dauerhaften Veröffentlichung haben sich die Macher des Portals depub.org zur Aufgabe gemacht. Zukünftig ist wohl auch die Archivierung der diversen Mediatheken geplant.

Ein kurzer Blick ins Whois ergab eine Anonymisierung des Domaininhabers – leider eine notwendige Maßnahme, denn man darf wohl davon ausgehen, dass gewisse Leute versuchen werden, ihre Bluthunde auf die Hintermänner der Seite anzusetzen.

Hut ab, und ein Dankeschön für das Engagement.

INDECT oder: Die feuchten Träume der Sicherheitsfanatiker

Wer schon bei Wolle Schäubles Eskapaden den Verdacht hatte, dass hier ein Wolf im Schafspelz den Hüter unseres Grundgesetzes spielt, dem kommt beim Forschungsprojekt INDECT das kalte Grausen. Was hier – ähnlich wie beim Urheberrechtsmonster ACTA – hinter verschlossenen Türen erforscht und verhandelt wird, lässt die Vorratsdatenspeicherung wie ein handzahmes Lamm aussehen.

Weil sich die Projektteilnehmer anscheinend von Journalisten und Datenschützern „missverstanden“ fühlen, wurde damit begonnen, die ersten Dokumente aus dem Netz zu nehmen – ein Schritt, dessen Wirkungslosigkeit wirklich auch dem letzten Hinterwäldler klar sein sollte. Die Piratenpartei hat sich entschieden, die gelöschten Arbeitspapiere einer breiten Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen, damit die Allgemeinheit nicht auf die Verlautbarungen des für die PR-Arbeit zuständigen „Ethikrats“ angewiesen ist.

Zusätzlich zur Veröffentlichung der Dokumente hat man sich die Mühe gemacht, die krudesten Thesen in einer Übersicht zusammenzufassen. Wer also keine Zeit und/oder keine Lust zum Durcharbeiten der knapp 100 Seiten hat, sollte sich zumindest die Zusammenfassung zu ansehen.

Warnung: Leicht erregbaren Gemütern wird vorm Lesen die Bereitstellung eines Kotzeimers empfohlen.