Streetview essen Vernunft auf

Wer die Debatte der letzten Monate um Googles Projekt „Streetview“ verfolgt hat, konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass sich bestimmte Interessengruppen nur allzu glücklich auf ein Thema stürzten, um von eigenen Fehlern abzulenken.

Mit den altbekannten Mitteln der Stammtischrhetorik, der Angst vor dem Unbekannten und der allgemeinen Technikfeindlichkeit, die besonders im konservativen Lager weit verbreitet zu sein scheint, rührt das Bündnis aus Politik und Medien einen Giftcocktail aus Halbwahrheiten und Anschuldigungen zusammen, obwohl weit dringendere Themen anstehen.

Das Ziel dieser vorsätzlichen Desinformation ist – wie so häufig in den letzten Jahren – das Internet im Allgemeinen und Google im Besonderen (wobei man beim Großteil der lancierten Äußerungen das Gefühl bekommt, dass beides in einen Topf geworfen wird). Man spekuliert mit der Unwissenheit des Durchschnittsbürgers, schürt Angst und hofft so, auf einer Welle der Empörung reitend, seine Ziele durchsetzen zu können.

Wie schon so oft in der jüngsten Vergangenheit kann sich der Bürger nicht auf die Funktion der Medien als vierte Gewalt im Staate verlassen. Ließ sich die mangelhafte Berichterstattung der schreibenden Zunft früher mit ungenügender Fachkenntnis begründen, liegen die Gründe für die derzeitige Hetze wohl eher im knallharten wirtschaftlichen Interesse von Verlegern und Zeitungsmachern, deren jahrzehntealtes Geschäftsmodell in Zeiten des Netzes gewaltige Risse zeigt. So treffen angestrengte Versuche journalistischer Besitzstandswahrung auf die Verzweiflung
der sogenannten Volksvertreter, die ihre Wähler um jeden Preis bei der Stange halten wollen.

Ablenkung und Laientheater

Wie groß das Unbehagen in den Amts- und Parteistuben nach dem Desaster der Zensursula-Debatten, der vorerst gescheiterten Einführung der Netzzensur und der schallenden Ohrfeige für die Vorratsdatenspeicherung war, mag sich jeder selbst ausmalen. Vor der gesamten Bevölkerung als unfähige Entscheidungsträger mit Hang zum Sicherheitswahn dazustehen, dürfte äußerst unangenehm sein. Der Mensch – und gerade der Typ des machtbewussten Politikers – neigt naturgemäß dazu, Unannehmlichkeiten aus dem Wege zu gehen, Verantwortung für Fehler auf Andere abzuwälzen und einmal erlangten Besitz nur ungern wieder aufzugeben. Ein Beispiel für dieses Verhaltensmuster ist das unwürdige Theater, das momentan rund um die Tragödie von Duisburg aufgeführt wird.

Da kommt ein neues Projekt „aus dem Internet“ natürlich wie gerufen, um von eigenen Unzulänglichkeiten abzulenken, Angst und Panik bei der Bevölkerung zu schüren und sich anschließend als Retter in der Not darzustellen. Diese Mechanismen sind altbekannt und natürlich sind auch die üblichen Verdächtigen wieder einmal mit von der Partie. Traurig ist allerdings, dass sich auch Vertreter des sonst eher progressiven Lagers für diese Hetze instrumentalisieren lassen.

Die Bigotterie der selbsternannten Datenschützer kennt hier keine Grenzen. Gerade die Partei der Vorratsdatenschnüffler gibt sich auf einmal als Verfechter der Privatsphäre und versprüht Gift und Galle gegen den Suchmaschinenbetreiber. Geht es jedoch um ganz ähnliche Datensammlungen oder das flächendeckende staatliche Ablichten von Grundstücken und das Verscherbeln selbiger, ist von den sonst so lauten Marktschreiern nichts zu hören.

Machterhalt trifft auf Eigeninteresse

Wer immer noch glaubt, die Berichterstattung im Falle Streetview sei objektiv und wahrheitsgemäß, braucht sich nur die Lobbyismuskampagne ins Gedächnis zu rufen, die uns ziemlich sicher die gesetzgewordene Neiddebatte namens „Leistungsschutzrecht“ bringen wird. Hintergrund dieser medialen Anbiederung an netzfeindliche Politikerkreise sind schwindende Absatzzahlen bei Verlegern, miese Renditen bei werbefinanzierten Onlineauftritten und das nagende Gefühl, vom hohen Thron des alleinigen Informationslieferanten gestürzt zu werden. Anstatt sich Gedanken über funktionierende Vergütungsmodelle zu machen, prügelt die alteingesessene Journaille (Begriff mal eben bei Don Alphonso geborgt) lieber auf den Marktführer bei Onlineanzeigen, böse Blogger und „das Internet“ im Allgemeinen ein.

Das Ergebnis monatelanger Einschmeichelei bei der Obrigkeit wird eine gesetzgeberische Missgeburt werden, die Weblogschreibern und unabhängigen Textlieferanten selbst bei der Formulierung von Überschriften noch Knüppel zwischen die Beine werfen dürfte – ganz im Sinne einer Zunft, die am liebsten ihre Augen vor der veränderten Realität verschließen und das Rad der Zeit um zwei Jahrzehnte zudrückdrehen möchte. Wenn in Zukunft jede Überschrift, jede Schlagzeile daraufhin überprüft werden muss, ob sie schon an anderer Stelle veröffentlicht wurde, wenn kleine und unabhängige Schreiberlinge fürchten müssen, für jeden verwendeten Halbsatz, an dem eventuell eine große Verlagsgruppe die Rechte besitzt, abgemahnt zu werden, dann hat die Verlegerschaft ihr Ziel erreicht – der publizistischen Vielfalt im Netz irreparablen Schaden zuzufügen.

Der Gipfel des Ganzen ist im Übrigen die Forderung, Google solle für die Verwendung von Schlagzeilen im Nachrichtensammeldienst Google News dafür Geld zahlen, dass durch diesen Dienst täglich Millionen von Lesern auf die Angebote etablierter Medien gelangen. Man stelle sich nur einmal vor, eine Firma engagiere eine Werbeagentur für die Imagepflege eines bestimmten Produktes, beschwere sich anschließend über den Erfolg der Kampagne und verlange anschließend noch Geld für die gelungene Arbeit.

So finden sich Politik und Medien immer häufiger in einer rückwärtsgewandten Allianz zusammen und schaden durch ihre kurzsichtigen Eigeninteressen der Bevölkerung und dem Netz. In unserem Namen wird schon längst weder informiert noch entschieden.

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