Das letzte Gefecht des Herrn Sauerland

Erinnert sich noch jemand an die Parole des hessischen Scharfmachers zur Affäre um die schwarzen Kassen der CDU? Roland Koch versprach damals „brutalstmögliche Aufklärung“. Wie man sich in den Reihen der Union eine solche Aufklärung dachte, wurde dem Wahlvolk schon damals sehr anschaulich vor Augen geführt.

Zurück ins Jahr 2010, zu einem weiteren äußerst anrüchigen Entscheidungsprozeß, der diesmal nicht nur das Prestige einiger Politiker ankratzte, sondern auch zu 21 Toten und mehreren hundert Verletzten führte: die Planungen zur Loveparade 2010 in Duisburg. Anstatt zumindest ein politisches Zeichen zu setzen und seinen Rücktritt einzureichen, ließ der Oberbürgermeister verkünden, er wolle „erst den Aufklärungsprozess zu Ende begleiten, bevor er sich dieser Verantwortung stelle“.

Die „Aufklärung“ seitens der Stadt erschöpfte sich bislang jedoch im wesentlichen im Gutachten einer nicht ganz unbekannten Anwältin, die Duisburg wohl auch in anderen Projekten vertritt. Das veröffentlichte Gutachten – wen wunderts – entlastet die Stadt größtenteils von der Verantwortung für das Unglück im Zugangstunnel. Dass diese schnelle Reaktion ein ganz besonderes Geschmäckle hat, braucht man wohl kaum zu betonen.

Nachdem außerdem bekannt wurde, dass Herr Sauerland bei einem Rücktritt wohl seine Pension verlöre, erscheint das beharrliche Kleben des CDU-Politikers am Bürgermeistersessel jedoch in einem völlig anderen Licht. Auch, daß er sich selbst keiner Schuld bewußt zu sein scheint, er zudem die Mitleidstour fährt und bei einem Interview wohl wissentlich falsche Angaben machte, schadet ihm weit mehr, als dass es zur Aufklärung beiträgt.

Die absolute Krönung jedoch leistete sich die Stadt, als sie gestern dem Blog Xtranews per einstweiliger Verfügung untersagen ließ, die vollständigen Planungsgutachten der Loveparade zu veröffentlichen. Die fadenscheinige Begründung für diese Maßnahme? Eine angebliche „Urheberrechtsverletzung“. Soviel zur „vollständigen Aufklärung“ und „größtmöglicher Transparenz“.

Einer der für die Schadensbegrenzung verantwortlichen PR-Gurus hätte den zuständigen Stellen wohl besser die Bedeutung des Begriffs „Streisand-Effekt“ erklärt. Und dass der ohnehin schon veritable Shitstorm sich durch eine solche Aktion zu einem Hurrican ausweiten würde.

Denn die beanstandeten Dokumente wurden spätestens nach diesem Versuch der Informationsunterdrückung massenhaft vervielfältigt und an unzähligen Stellen neu veröffentlicht. Und die „brutalstmögliche“ Aufklärung wird nun wohl stattfinden. Auch gegen den Widerstand der Verantwortlichen.

Update: Die Dokumente sind nun auch auf WikiLeaks zu finden.

Ein Gedanke zu „Das letzte Gefecht des Herrn Sauerland

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