Archiv für den Monat August 2010

Don’t feed the Sarrazin

Der selbsternannte Experte in Sachen Integration und Sozialstaat hat also eine Hetzschrift fabriziert, deren Inhalt allerdings niemanden überraschen dürfte. Schließlich ist seine Meinung zum Thema bereits seit längerem berüchtigt. Auch, dass seine kruden Thesen jedweder statistischen Grundlage entbehren, verwundert kaum. Thilo Sarrazin lebt längst in seiner eigenen kleinen Welt, und die dreht sich – wie bei allen Narzisten – um ihn selbst.

Die von ihm mit Sicherheit einkalkulierte Empörung schlägt nun wieder einmal hohe Wellen und kommt seinem Selbstdarstellungstrieb sicher wie gerufen. Außerdem wird jeder Versuch eines Parteiausschlusses, jede Disziplinarmaßnahme seitens der Bundesbank die Auflage seines Buches nach oben schnellen lassen und ihm die Verschwörungstheoretiker vom rechten Rand in die Arme treiben, die sowieso der Meinung sind, dass ihre Theorien die einzige Rettung des teutschen(!) Volkes darstellten und nur unterdrückt würden, weil die „herrschende Klasse“ von „Gutmenschen“ unterwandert sei.

Anstatt diese Behauptungen auch noch zu unterstützen, sollte man dem Selbstdarsteller die für ihn sicher schlimmste Strafe zuteil werden lassen: ihn für den Rest seines vor Gesellschaftshass triefenden Lebens mit Nichtbeachtung strafen. Denn letztendlich wird sich das Problem Sarrazin genauso verabschieden, wie er die „Migrationsproblematik“ gelöst sehen möchte: es wird sich „auswachsen“.

Update: Julia hat sich die Mühe gemacht, das Weltbild dieses Polemikers in einem herrlichen Artikel detailliert zu zerlegen. Lesenswert!

Streetview essen Vernunft auf

Wer die Debatte der letzten Monate um Googles Projekt „Streetview“ verfolgt hat, konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass sich bestimmte Interessengruppen nur allzu glücklich auf ein Thema stürzten, um von eigenen Fehlern abzulenken.

Mit den altbekannten Mitteln der Stammtischrhetorik, der Angst vor dem Unbekannten und der allgemeinen Technikfeindlichkeit, die besonders im konservativen Lager weit verbreitet zu sein scheint, rührt das Bündnis aus Politik und Medien einen Giftcocktail aus Halbwahrheiten und Anschuldigungen zusammen, obwohl weit dringendere Themen anstehen.

Das Ziel dieser vorsätzlichen Desinformation ist – wie so häufig in den letzten Jahren – das Internet im Allgemeinen und Google im Besonderen (wobei man beim Großteil der lancierten Äußerungen das Gefühl bekommt, dass beides in einen Topf geworfen wird). Man spekuliert mit der Unwissenheit des Durchschnittsbürgers, schürt Angst und hofft so, auf einer Welle der Empörung reitend, seine Ziele durchsetzen zu können.

Wie schon so oft in der jüngsten Vergangenheit kann sich der Bürger nicht auf die Funktion der Medien als vierte Gewalt im Staate verlassen. Ließ sich die mangelhafte Berichterstattung der schreibenden Zunft früher mit ungenügender Fachkenntnis begründen, liegen die Gründe für die derzeitige Hetze wohl eher im knallharten wirtschaftlichen Interesse von Verlegern und Zeitungsmachern, deren jahrzehntealtes Geschäftsmodell in Zeiten des Netzes gewaltige Risse zeigt. So treffen angestrengte Versuche journalistischer Besitzstandswahrung auf die Verzweiflung
der sogenannten Volksvertreter, die ihre Wähler um jeden Preis bei der Stange halten wollen.

Ablenkung und Laientheater

Wie groß das Unbehagen in den Amts- und Parteistuben nach dem Desaster der Zensursula-Debatten, der vorerst gescheiterten Einführung der Netzzensur und der schallenden Ohrfeige für die Vorratsdatenspeicherung war, mag sich jeder selbst ausmalen. Vor der gesamten Bevölkerung als unfähige Entscheidungsträger mit Hang zum Sicherheitswahn dazustehen, dürfte äußerst unangenehm sein. Der Mensch – und gerade der Typ des machtbewussten Politikers – neigt naturgemäß dazu, Unannehmlichkeiten aus dem Wege zu gehen, Verantwortung für Fehler auf Andere abzuwälzen und einmal erlangten Besitz nur ungern wieder aufzugeben. Ein Beispiel für dieses Verhaltensmuster ist das unwürdige Theater, das momentan rund um die Tragödie von Duisburg aufgeführt wird.

Da kommt ein neues Projekt „aus dem Internet“ natürlich wie gerufen, um von eigenen Unzulänglichkeiten abzulenken, Angst und Panik bei der Bevölkerung zu schüren und sich anschließend als Retter in der Not darzustellen. Diese Mechanismen sind altbekannt und natürlich sind auch die üblichen Verdächtigen wieder einmal mit von der Partie. Traurig ist allerdings, dass sich auch Vertreter des sonst eher progressiven Lagers für diese Hetze instrumentalisieren lassen.

Die Bigotterie der selbsternannten Datenschützer kennt hier keine Grenzen. Gerade die Partei der Vorratsdatenschnüffler gibt sich auf einmal als Verfechter der Privatsphäre und versprüht Gift und Galle gegen den Suchmaschinenbetreiber. Geht es jedoch um ganz ähnliche Datensammlungen oder das flächendeckende staatliche Ablichten von Grundstücken und das Verscherbeln selbiger, ist von den sonst so lauten Marktschreiern nichts zu hören.

Machterhalt trifft auf Eigeninteresse

Wer immer noch glaubt, die Berichterstattung im Falle Streetview sei objektiv und wahrheitsgemäß, braucht sich nur die Lobbyismuskampagne ins Gedächnis zu rufen, die uns ziemlich sicher die gesetzgewordene Neiddebatte namens „Leistungsschutzrecht“ bringen wird. Hintergrund dieser medialen Anbiederung an netzfeindliche Politikerkreise sind schwindende Absatzzahlen bei Verlegern, miese Renditen bei werbefinanzierten Onlineauftritten und das nagende Gefühl, vom hohen Thron des alleinigen Informationslieferanten gestürzt zu werden. Anstatt sich Gedanken über funktionierende Vergütungsmodelle zu machen, prügelt die alteingesessene Journaille (Begriff mal eben bei Don Alphonso geborgt) lieber auf den Marktführer bei Onlineanzeigen, böse Blogger und „das Internet“ im Allgemeinen ein.

Das Ergebnis monatelanger Einschmeichelei bei der Obrigkeit wird eine gesetzgeberische Missgeburt werden, die Weblogschreibern und unabhängigen Textlieferanten selbst bei der Formulierung von Überschriften noch Knüppel zwischen die Beine werfen dürfte – ganz im Sinne einer Zunft, die am liebsten ihre Augen vor der veränderten Realität verschließen und das Rad der Zeit um zwei Jahrzehnte zudrückdrehen möchte. Wenn in Zukunft jede Überschrift, jede Schlagzeile daraufhin überprüft werden muss, ob sie schon an anderer Stelle veröffentlicht wurde, wenn kleine und unabhängige Schreiberlinge fürchten müssen, für jeden verwendeten Halbsatz, an dem eventuell eine große Verlagsgruppe die Rechte besitzt, abgemahnt zu werden, dann hat die Verlegerschaft ihr Ziel erreicht – der publizistischen Vielfalt im Netz irreparablen Schaden zuzufügen.

Der Gipfel des Ganzen ist im Übrigen die Forderung, Google solle für die Verwendung von Schlagzeilen im Nachrichtensammeldienst Google News dafür Geld zahlen, dass durch diesen Dienst täglich Millionen von Lesern auf die Angebote etablierter Medien gelangen. Man stelle sich nur einmal vor, eine Firma engagiere eine Werbeagentur für die Imagepflege eines bestimmten Produktes, beschwere sich anschließend über den Erfolg der Kampagne und verlange anschließend noch Geld für die gelungene Arbeit.

So finden sich Politik und Medien immer häufiger in einer rückwärtsgewandten Allianz zusammen und schaden durch ihre kurzsichtigen Eigeninteressen der Bevölkerung und dem Netz. In unserem Namen wird schon längst weder informiert noch entschieden.

Das letzte Gefecht des Herrn Sauerland

Erinnert sich noch jemand an die Parole des hessischen Scharfmachers zur Affäre um die schwarzen Kassen der CDU? Roland Koch versprach damals „brutalstmögliche Aufklärung“. Wie man sich in den Reihen der Union eine solche Aufklärung dachte, wurde dem Wahlvolk schon damals sehr anschaulich vor Augen geführt.

Zurück ins Jahr 2010, zu einem weiteren äußerst anrüchigen Entscheidungsprozeß, der diesmal nicht nur das Prestige einiger Politiker ankratzte, sondern auch zu 21 Toten und mehreren hundert Verletzten führte: die Planungen zur Loveparade 2010 in Duisburg. Anstatt zumindest ein politisches Zeichen zu setzen und seinen Rücktritt einzureichen, ließ der Oberbürgermeister verkünden, er wolle „erst den Aufklärungsprozess zu Ende begleiten, bevor er sich dieser Verantwortung stelle“.

Die „Aufklärung“ seitens der Stadt erschöpfte sich bislang jedoch im wesentlichen im Gutachten einer nicht ganz unbekannten Anwältin, die Duisburg wohl auch in anderen Projekten vertritt. Das veröffentlichte Gutachten – wen wunderts – entlastet die Stadt größtenteils von der Verantwortung für das Unglück im Zugangstunnel. Dass diese schnelle Reaktion ein ganz besonderes Geschmäckle hat, braucht man wohl kaum zu betonen.

Nachdem außerdem bekannt wurde, dass Herr Sauerland bei einem Rücktritt wohl seine Pension verlöre, erscheint das beharrliche Kleben des CDU-Politikers am Bürgermeistersessel jedoch in einem völlig anderen Licht. Auch, daß er sich selbst keiner Schuld bewußt zu sein scheint, er zudem die Mitleidstour fährt und bei einem Interview wohl wissentlich falsche Angaben machte, schadet ihm weit mehr, als dass es zur Aufklärung beiträgt.

Die absolute Krönung jedoch leistete sich die Stadt, als sie gestern dem Blog Xtranews per einstweiliger Verfügung untersagen ließ, die vollständigen Planungsgutachten der Loveparade zu veröffentlichen. Die fadenscheinige Begründung für diese Maßnahme? Eine angebliche „Urheberrechtsverletzung“. Soviel zur „vollständigen Aufklärung“ und „größtmöglicher Transparenz“.

Einer der für die Schadensbegrenzung verantwortlichen PR-Gurus hätte den zuständigen Stellen wohl besser die Bedeutung des Begriffs „Streisand-Effekt“ erklärt. Und dass der ohnehin schon veritable Shitstorm sich durch eine solche Aktion zu einem Hurrican ausweiten würde.

Denn die beanstandeten Dokumente wurden spätestens nach diesem Versuch der Informationsunterdrückung massenhaft vervielfältigt und an unzähligen Stellen neu veröffentlicht. Und die „brutalstmögliche“ Aufklärung wird nun wohl stattfinden. Auch gegen den Widerstand der Verantwortlichen.

Update: Die Dokumente sind nun auch auf WikiLeaks zu finden.

„Pro Netzneutralität“: Das Feigenblättchen der SPD?

Um eines gleich vorweg zu nehmen: Ich werde der „Initiative Pro Netzneutralität“ trotz des faden Beigeschmacks meine Stimme geben. Dafür ist das Anliegen zu wichtig. Dennoch sind Zweifel an den Organisatoren angebracht. Ein Blick ins Impressum der Seite offenbart recht schnell, in wessen Köpfen die Aktion offenbar ausgebrütet wurde:

pro netz impressum

Die Parteizentrale der SPD also. Die selbe Partei, die sich zu Zeiten der großen Koalition für die internetfeindlichen Gesetzesinitiativen der Union als Stimmvieh mißbrauchen ließ. Insofern stellt sich die Frage nach den Motiven hinter der Kampagne – und ob hier nicht mit einer griffigen PR-Aktion das eigene Image wieder aufgewertet werden soll, das durch den bereits im Netz angerichteten Schaden und weitere geplante Grausamkeiten arg gelitten hat.

Wenn man solch eine Initiative schon ins Leben ruft und sich von den Parteioberen genehmigen lässt, sollte man seine Urheberschaft auch klar zu erkennen geben. Sonst entsteht der Verdacht, dass die unter falscher Flagge gesammelten Unterschriften als Feigenblatt für vergangene und zukünftige Fehltritte missbraucht werden sollen.

Köpft den Boten!

Die unschöne Tradition, den Überbringer schlechter Nachrichten einen Kopf kürzer zu machen, findet im Umgang der US-Administration mit Private Bradley Manning eine groteske Fortsetzung. Manning, der vom amerikanischen Militär beschuldigt wird, sowohl das „Collateral Murder“-Video als auch die „Afghanistan-Kriegstagebücher“ an das Enthüllungsportal WikiLeaks weitergegeben zu haben, sitzt momentan in Einzelhaft.

Ginge es nach dem Willen des republikanischen Kongressabgeordneten Mike Rogers, Mitglied des „House Intelligence Committee“, sollte Mannings bei einem Schuldspruch hingerichtet werden. Rogers verurteilte eine „Unkultur des Geheimnisverrats“, die Mannings zu der Annahme verleitet habe, die Enthüllung geheimer Informationen sei eine gute Sache.

Die Intention hinter dieser Äußerung könnte kaum offensichtlicher sein: eine faire Verhandlung und – sollte Mannings für schuldig befunden werden – ein ausgewogenes Strafmaß sind nicht erwünscht. Vielmehr soll ein Exempel statuiert werden, wie wir es in unseren Breiten seit der Abschaffung der Diktatur auf deutschem Boden nicht mehr zu erdulden hatten. Grausam, brutal und eiskalt.

Ein weiterer Angriff, diesmal auf das Enthüllungsportal selbst, kam von Marc Thiessen, einem notorischen Folterbefürworter, Ex-Redenschreiber für George „Dubya“ Bush und Kolumnist der Washington Post (die, nebenbei bemerkt, zu einem ultrakonservativen Blättchen verkommen ist). Thiessen forderte gestern in seiner Kolumne, dass „WikiLeaks gestoppt werden“ müsse. In seinem Artikel fährt er denn auch gleich die ganz großen Geschütze auf – und schießt mit seinen Anschuldigungen meilenweit daneben:

„Um eines gleich vorweg zu nehmen: WikiLeaks ist keine Nachrichtenagentur, sondern eine kriminelle Organisation.“
[…]
„Diese Aktionen sind mindestens eine Verletzung des Espionage Act und können durchaus als Unterstützung für Terroristen angesehen werden. Die Webseite muss abgeschaltet und die Veröffentlichung weiterer Dokumente verhindert, die Gründer der Justiz überstellt werden.“

Die altbekannte Terrorkeule

Diese Argumentationskette ist weder neu, noch kommt sie überraschend. Seit den Ereignissen des 11. September wird sie genutzt, um jene, die nicht hundertprozentig hinter der Politik des „Kriegs gegen den Terror“ stehen, als Terrorunterstützer zu brandmarken und mundtot zu machen.

Der Vorwurf, die veröffentlichten, mehrere Monate alten Dokumente würden den Taliban in die Hände spielen, zieht nicht. Sollte tatsächlich noch eine der in den Papieren erwähnten Operationen laufen, zeugt dies nicht gerade von der Professionalität der beteiligten Organisationen. Und falls – was äußerst unwahrscheinlich ist – die über die einzelnen Taliban eingeholten, längst veralteten Informationen heute noch den tatsächlichen Aufenthaltsort dieser Personen preisgäben, hätten sich diejenigen wohl kaum das Prädikat „high priority target“ verdient. Wer weiß, dass er gesucht wird, versteckt sich nicht monatelang in der gleichen Gegend – es sei denn, man hegt Selbstmordgedanken.

Thiessen schlägt in seinem Pamphlet gleich mehrere Wege vor, wie mit Julian Assange – „leider“ kein US-Bürger – zu verfahren sei. Man bräuchte sich nicht nur auf die Strafverfolgungsbehörden zu verlassen, sondern könne sowohl geheimdienstliche als auch militärische Ressourcen nutzen, „um Assange seiner gerechten Strafe zuzuführen und sein kriminelles Syndikat aus dem Geschäft zu drängen“. Die von Thiessen aufgezeigten Möglichkeiten beinhalten:

  • Assange vor einem Gericht anzuklagen. Die Anklage könne – wie praktisch – geheimgehalten werden, „um ihn nicht vorzuwarnen, daß die USA ihn hinter Gitter bringen wollen“ (als ob Assange nicht längst mit einer solchen Maßnahme rechnen würde). Sollten die Länder, in denen sich Assange zum Zeitpunkt der Anklage aufhielte, ihn nicht ausliefern wollen, könne man entsprechenden diplomatischen Druck ausüben (de facto also eine Neuauflage der Bush-Doktrin „Wer nicht mit uns ist, ist gegen uns und muss mit den Konsequenzen leben“).
  • Sollte der Auslieferung dennoch nicht stattgegeben werden, müsse man Assange eben ohne das Wissen des beteiligten Landes auf dessen Territorium festnehmen (was einen nur allzu gut an die jahrelange Praxis der CIA-Entführungen erinnert).

Außerdem will sich Thiessen noch die Dokumente zurückholen, die sich Wikileaks „widerrechtlich angeeignet hat“ und die Infrastruktur des Portals zerstören – entweder durch eine international koordinierte Aktion der Strafverfolgungsbehörden, oder, was ihm wohl lieber wäre, durch das USCYBERCOM, einer Unterabteilung des US-Militärs zur „virtuellen Kriegsführung“.

Arroganz und Größenwahn

Die gesamte Kolumne des Herrn Thiessen trieft vor Hass auf das Enthüllungsportal und dessen Gründer, die es doch tatsächlich wagen, die Strategie des US-Militärs und der Geheimdienste zu hinterfragen und ihre Fehlschläge öffentlich zu machen. Es tauchen längst vergessen geglaubte Denkmuster aus der Versenkung auf, die dem Ansehen der Vereinigten Staaten in Zeiten der Bush-Regierung irreparablen Schaden zugefügt und diplomatische Beziehungen auch zu den langjährigen Verbündeten auf Jahrzehnte vergiftet haben.

Man bekommt den Eindruck, dass Thiessen einen perfekten Kandidaten für einen Redakteursposten bei der sowjetischen „Prawda“ abgegeben hätte. Dort wäre seine Fähigkeit, sich bei den Hardlinern der Regierung einzuschmeicheln, sicher eine wertvolle Bereicherung des Kollektivs gewesen. In einem seriösen Blatt, so konservativ es auch sein möge, hat dieser Mensch jedoch nichts verloren.

Die Funktion der Medien in westlichen Demokratien erschöpft sich nunmal nicht nur in ständigen Anschuldigungen und Anfeindungen diktatorischer Regime, sie beinhaltet vielmehr das Aufdecken eigener Fehler und Mißstände. Wer aus persönlicher Abneigung und falsch verstandenem Patriotismus heraus zur Jagd auf die Überbringer schlechter Nachrichten bläst, schadet nicht nur der Pressefreiheit, er sägt auch fleißig am Ast der Demokratie, auf dem er es sich Zeit seines Lebens gemütlich eingerichtet hatte.

Digitale Selbstverteidigung: Hausgemacht ist immer besser

„Das Briefgeheimnis im Internet“. Mit diesem Slogan versucht die Deutsche Post zur Zeit, ihren „E-Postbrief“ an den Mann zu bringen.

„Das Internet. Eine Welt, in der jeder alles… und jeder sein kann. In der jeder alles vom Anderen weiß. In der beinahe alles möglich ist. In dieser Welt ist endlich eines möglich: Sichere Kommunikation. Denn wir bringen das Briefgeheimnis ins Internet.“

Mal ganz davon abgesehen, dass hier irreführende Werbung gemacht wird, wollen wir uns die „Argumente“, die uns zur Anmeldung bei diesem Angebot verleiten sollen, mal genauer ansehen.

Das böse, böse Internet

Die übliche Panikmache seitens Politik, Medien und Industrie setzt sich auch in der Werbung fort. Hier wird ein schlagender Vorteil des Netzes – sich (noch?) frei und ungezwungen bewegen und äußern zu können – ins Gegenteil umgedeutet und das Internet als ein Hort von Betrügern und Freizeitschnüfflern dargestellt. Als jahrelanger Nutzer kennt man diese Ressentiments und lässt sich von solcherlei Hetze kaum mehr als ein müdes Lächeln abtrotzen.

Das geschulte Auge erkennt: hier soll aus Angst und Unkenntnis Profit geschlagen und das Rad der Zeit bis zu einem Punkt zurückgedreht werden, an dem der Durchschnittsdeutsche noch von der Post als alleinigem Brief- und Päckchenbeförderer abhing.

Die Deutsche Post als Retter in der Not?

Auftritt des leutseeligen Postboten, der – wie in alten Zeiten – über eine virtuelle Straße radelt und dem verunsicherten Kunden breit grinsend seinen sehnsüchtig erwarteten Brief in die Hand drückt. Und die Welt ist wieder im Lot. Oder nicht…?

Als einer von vielen Skeptikern hat sich Richard Gutjahr die AGBs auf dem E-Postportal vorgenommen und diese haarklein zerpflückt. Die Kritikpunkte beinhalten unter anderem:

  • eine Verpflichtung des Kunden, sein Postfach täglich(!) abzurufen (was passiert, wenn man während seines 4-wöchigen Spanienurlaubs weder Zeit noch Gelegenheit hat, seinen Hintern in ein Internetcafé zu bewegen?),
  • bei Zustimmung des Kunden zur Veröffentlichung seiner Daten im Adressverzeichnis die Möglichkeit zur Weitergabe dieser Daten an „Geschäftskunden“ (von wegen, der E-Postbrief sei der Tod der Spammer – hier kann munter mit validen Mailadressen Handel betrieben werden),
  • das von der Post beworbene „Briefgeheimnis im Internet“ ähnele viel mehr dem Fernmeldegeheimnis (somit sind die Hürden für die Herausgabe der Korrespondenz an Behörden deutlich niedriger als bei Briefen),
  • vom Kunden „gelöschte“ Briefe würden lediglich als gelöscht markiert und verblieben auf unbestimmte Zeit(!) weiterhin auf den Rechnern der Post gespeichert, bis diese sich irgendwann zur Löschung entschließe.

Technische Mängel und Sicherheitslücken

Die technischen Mängel des von der Post eingeführten Systems beleuchten unter anderem die Stiftung Warentest sowie der Chaos Computer Club in Folge 159 seiner monatlich erscheinenden Radiosendung. Hier wird unter anderem kritisiert, dass:

  • die Verschlüsselung nicht – wie sonst bei E-Mails mit frei erhältlicher Software üblich – den gesamten Übertragungsweg vom Sender bis zum Empfänger abdecke, sondern vielmehr auf dem Server der Post selbst stattfinde (man gibt also der Post den Zweitschlüssel zum eigenen Safe; man kann hier auch das Bild eines Postboten bemühen, der den geschriebenen Brief des Absenders entgegennimmt, ihn zur Poststelle bringt, den Brief erst dort in einen Umschlag steckt, den Brief nach der Zustellung aus dem Umschlag nimmt und ihn erst dann an den Empfänger übergibt – viel Zeit also, den Inhalt mal schnell zu „überfliegen“ bzw. den Brief mal eben in den büroeigenen Kopierer zu stecken, um bei einem Bild aus der „analogen“ Welt zu bleiben),
  • die Verschlüsselungstechnik keineswegs dem aktuellen Stand abbilde, sondern auf das längst veraltete Prinzip „Security by Obscurity“ (Sicherheit durch Geheimhaltung, hier: Geheimhaltung der Technik) statt auf offene Standards zu setzen,
  • die Möglichkeit, E-Postbriefe auch in gedruckter Form an Adressen ohne Benutzerkonto zu schicken, eröffne zwangsläufig die Möglichkeit, dass die fürs Ausdrucken und Eintüten dieser Briefe zuständigen Mitarbeiter den Inhalt dieser Briefe lesen könnten.

Der unbedarfte Kunde darf also für Einschränkungen beim Datenschutz, ein nicht vorhandenes Briefgeheimnis und mangelhafte Technik brav seine 55 Cent pro Brief(!) zahlen, obwohl er die von der Post so hoch gepriesenen Errungenschaften mit etwas gesundem Menschenverstand, ein wenig Einarbeitung und der richtigen Software (Stichwort: GnuPG – auch mit einem netten und einfach zu bedienenden Windows-Installationsprogramm als GPG4Win erhältlich – und Enigmail) durchaus kostenlos nutzen könnte – und das seit Jahren.

Die Entscheidung dürfte leicht fallen: Auf der einen Seite eine kostenpflichtige, undurchsichtige Technik mit einem Zweitschlüssel außerhalb der eigenen Kontrolle, auf der anderen Seite ein kostenloses Werkzeug, das so sicher ist, dass es von der US-Regierung als „Kriegswaffe“ eingestuft und die Ausfuhr 1993 verboten wurde. Die Offenlegung der Funktionsweise garantiert zudem die ständige Verbesserung der Verschlüsselungstechnik.